Frack und Zylinder gehören keineswegs zur Standardausstattung von typischen Metalkonzertbesuchern, doch sind COPPELIUS auch ebenso wenig eine typische Metalband. Als Kammercore bezeichnen die Berliner ihre Musik und wirft man einen Blick in ihren Konzertkalender entdeckt man, dass sie bereits seit über 200 Jahren auf Tour sind: bereits 1803 traten sie demnach zu Feierlichkeiten anlässlich der Identifikation des Morphiums auf. Kein Wunder also, dass eine Kapelle, die in dieser Zeit geprägt wurde, auch heute noch Wert auf angemessene Umgangsformen legt, denen das Publikum durchaus zu entsprechen weiß.
Cellolitis
Auch Nikolaus Herdieckerhoff, der gemeinsam mit seinem Cello „Umbra“ die Band CELLOLITIS bildet, betritt im Anzug die Bühne - Nur die Turnschuhe hat er dazu anbehalten. Im vergangenen Jahr hatte der Musiker am Vorgruppenwettbewerb für das Konzert im Berliner Kesselhaus teilgenommen, der letztendlich aber von VROUDENSPIL gewonnen wurde. Doch scheinbar hatte auch er einen bleibenden Eindruck hinterlassen, darf er die sechs Herren doch nun sogar auf mehreren Konzerten begleiten. Nicks Begeisterung, mit ihnen unterwegs zu sein, ist ihm deutlich anzumerken und auch, wenn es um die Musik oder sein Instrument geht ist der Berliner herrlich euphorisch. Dabei hat der junge Musiker vorwiegend Eigenkompositionen im Gepäck, liefert aber auch Neuinterpretationen bekannter Stücke: Als klassisches Werk für jeden, der Cello spielen lernt, beschreibt Nick den „Pachelbel Canon in D“, den er, wie er amüsant beschreibt, in den Anfangszeiten zu hassen gelernt hat. Inzwischen spielt er den Pachelbel Canon sogar freiwillig - in C. Das später gespielte „2017“ ist unterlegt von (Schreckens)Nachrichten aus dem Radio und zeigt, dass sich auf dem Cello ein wunderbar düsterer Weltuntergangssoundtrack spielen lässt. Eines der Highlights im Programm ist das schon zuvor online angekündigte Gastspiel: „Begala e Vena“ das gemeinsam mit Comte Caspar zum Besten gegeben wird. Es ist ungewohnt, den Klarinettisten mal so still sitzend zu erleben.
Mit CELLOLITIS haben die Herren von COPPELIUS einen sehr stilvollen Opener ausgewählt, auch wenn das Publikum etwas gespalten reagierte und noch keine rechte Partystimmung aufkommen wollte – kräftig applaudiert wurde trotzdem und absolut zu recht.
Coppelius
Nach einer kurzen Pause betritt der immer beschäftigte Butler Bastille die Bühne mit seiner Laterne und versichert sich, dass alles in bester Ordnung ist, bevor COPPELIUS ihr Set mit dem Iron Maiden-Cover „Running Free“ starten. Hierbei sitzt der Butler am Schlagzeug und Herr Nobusama nimmt am Mikrofon eine ungewohnt präsente Rolle ein, die ihm allerdings sehr gut zu Gesicht steht. Die Band spielt an diesem Abend vor einem höchst aufmerksamen Auditorium, das sich die Herren mit Sicherheit schon das ein oder andere Mal zu Gemüte geführt hat – sitzen doch die meisten Texte auffallend gut. Die Band selbst hat den mehrstimmigen Gesang so ziemlich perfektioniert und präsentiert ihre Songs mit schwarzhumorigen, mal ab- und mal tiefgründigen Texten mit unglaublich viel Charme. Die beiden Klarinettisten bewegen sich synchron über die Bühne, dann wieder fordern sie sich geradezu zu spielerischen Duellen heraus. Überhaupt beeindruckt die ständige Interaktion der Musiker und wie sehr sie auf das achten, was die anderen Bandmitglieder gerade tun.
In „Risiko“ unterläuft Graf Lindorf ein kleiner Textfehler, er stockt während das Publikum weitersingt. „Jetzt hab ichs wieder!“, hört man einen Moment später, dann setzt er auch schon wieder ein. Irgendwie passt das herrlich zu dem „Ist mir egal, ich lass das jetzt so“ –Button, den er am Revers trägt. Am Beginn von „Urinstinkt“ steht Comte Caspar im Bühnengraben und beobachtet seine Bandkollegen, während Bastille aus der mitgebrachten altledernen Schultasche, die er fest umklammert hält, tatsächlich eine Flasche mit „gefährlichen Substanzen“ holt. Doch nicht nur an dieser Stelle, sondern immer wieder zwischendurch ist der Comte im oder vor dem Publikum unterwegs, oder er steht Klarinette spielend auf der Bar an der Seite des Saals.
Öfter als sonst gibt es an diesem Abend allerdings etwas planlos wirkende Pausen; Butler Bastille gerät ins Stocken, fängt sich dann aber wieder und überspielt die Zeit zwischen den Songs. „Möchte der Graf noch etwas zu trinken haben?“, fragt er, bevor er den gefüllten Kelch hervorholt und der Trinkvorgang ausgiebig in Szene gesetzt wird.
Die Einleitung zu „Gumbagubanga“ sorgt im Hirsch für etwas Verwirrung. Während der Comte die Menge in unterschiedliche Blöcke einteilt und versucht, die Sprechchöre Gum – bagu – bang – ga zu koordinieren, steht Max Coppela mit verschränkten Armen dahinter und besieht sich das Treiben skeptisch. So recht will es nicht klappen – erst, als das gesamte Wort zusammen gesprochen werden soll funktioniert es wie geplant. Die Interaktion mit dem Publikum kommt den ganzen Abend über nicht zu kurz: Gleich zweimal bekommen COPPELIUS Besuch auf der Bühne. Zuerst sind es zwei Brüder, von denen der eine Geburtstag hat, die nach vorne kommen und denen die Ehre des Triangelschlags zukommt. Später lassen einige Zuschauer wieder einmal „Ausziehen!“-Rufe erklingen. „Ziehen sie sich doch zur Abwechslung mal aus!“, protestiert die Band, die wohl nicht damit gerechnet hat, dass jemand dieser Aufforderung tatsächlich Folge leisten würde. Doch tatsächlich fliegen kurz darauf drei T-Shirts auf die Bühne. "Meine Herren, sie sind im Zugzwang", meint einer der drei jungen Besucher, als sie von der Band auf die Bühne geholt werden um es an Bastilles Stelle zu übernehmen, beim folgenden Lied aufs Becken zu schlagen. Der Butler entledigt sich dafür seiner Schuhe und zeigt ein Loch im Socken – das Butlergehalt scheint dem Arbeitsaufwand wohl nicht ganz gerecht zu werden.
Wenig später kommt Prof. Mosh Terpin, der ebenfalls Cembalo spielt, mit einer Schiefertafel auf die Bühne. „Was steht da?!“, ist der Ruf aus dem Publikum zu vernehmen, als er sie über den Kopf hält. „Oh, es ist etwas verwischt“, meint Comte Caspar und wischt etwas von der verschmierten Kreide weg, um das „Intermezzo“ deutlicher lesbar zu machen. Auf das Intermezzo mit Drumsolo von Nobusama folgt dann die melancholische Motörhead-Ballade „1916“, in der Graf Lindorf wieder den Ton angibt. Kurze Zeit später wird dann wieder lauter: „Rightful King“, „Operation“ und „Charlot the Harlot“ laden zum moshen ein, was das Publikum auch begeistert tut und am Ende in lautstarken Applaus ausbricht, was von der Band mit einem lockeren „Ah, endlich mal Krach!“ kommentiert wird. Dabei ist die Stimmung durch und durch gut -„Und das, obwohl heute Donnerstag ist“, wie die Band feststellt.
Am Ende des Sets gibt es erst einige normale Zugaberufe, doch nach einiger Zeit fallen auch die letzten brav ins „Da Capo!“ mit ein. Der Butler staubt in der Zeit in aller Seelenruhe die Instrumente ab, bis die Herren schließlich alle zurück ins Scheinwerferlicht kommen. Auch Nick von CELLOLITIS unterstützt die Band noch einmal für einen Song und hat COPPELIUS eine Flasche Bisongraswodka mitgebracht, die der Butler dankend entgegen nimmt. Als keiner den Anfang machen will steht Graf Lindorf schließlich beherzt auf und nimmt den ersten Schluck, bevor der Flasche einmal herum kreist. Die beiden Celli verleihen der Musik einen noch satteren Klang – daran könnte man sich glatt gewöhnen!
Zu Ende geht die durch und durch sehenswerte Show schließlich mit einer Ballade vom aktuellen Album „Zinnober“. Für „Ade mein Lieb“ werden die Zuschauer aufgefordert, sich hinzusetzen und die vordere Hälfte kommt dieser Bitte geschlossen nach, macht es sich auf dem Fußboden gemütlich und genießt die Klänge, bevor der Butler ihnen ganz zuletzt noch das Bandmotto mit auf dem Weg gibt: „COPPELIUS hilft!“
Vielen Dank, werte Herren, für dieses fabulöse Konzert - es war wieder einmal eine Freude!
Setlist:
Running Free
Der Advokat
Risiko
Nachtwache
Escapade I
Urinstinkt
Gumbagubanga
Morgenstimmung
Klein Zaches
1916
Diener 5er Herren
Rightful King
Operation
Charlot the Harlot
To my Creator
Damen
Coppelius Hilft
Ma Rue A Moi
Time Zeit
Handschuh
Ade mein Lieb