Heimspiel für A LIFE [DIVIDED]: Am 6. Januar ließen die Elektro-Rocker in ihrer Heimatstadt München die Bühne beben. Der Einlass begann um 19:00 Uhr und bereits eine ganze Weile zuvor tummelten sich Leute vor dem Backstage auf der Straße und versuchten, bei den vorbeikommenden Besuchern noch eine Karte für die ausverkaufte Veranstaltung zu ergattern.
Insane
Die bestens gefüllte Halle ließ auf gute Stimmung hoffen als das Programm um 20 Uhr begann. Begleitet wurden A LIFE [DIVIDED] von INSANE, die sich ihren Bandnahmen zweifellos nicht ohne Grund ausgesucht haben. Schon der erste Blick, den man auf die Band erhaschen konnte, war durchaus kurios: Ob gekleidet mit schwarze Ledermaske, bayerische Lederhose, einem Korsett aus dem oben die Brusthaare herausragen und strohblonde Perücke oder übergroßer Pyjama – wirklich normal wirkte keiner der Vier. Ein wenig erinnerte die Band an SHE’S ALL THAT, die EISBRECHER im vorigen Jahr auf der Frühjahrstournee begleitet hatten. Zu einem verhältnismäßig ruhigen Intro betraten die Musiker Bayernfahne-schwenkend die Bühne, überhaupt hatten etliche der Stücke gesprochene Intros, unter anderem ein kurzer Text aus dem Disneyfilm „Die Hexe und der Zauberer“. Doch dann bretterten INSANE jeweils nur umso krachender los, um sich scheppernd und growlend durch ihr Set zu spielen. Die Band kombinierte Metal und eine Spur Industrial mit deutschen Texten und so klangvollen Titeln
wie „Ich hasse alles“ und „Doppelfickerspiegelpanzer“.
Nach einigen Liedern dankte der Sänger dem Publikum für sein offenes Ohr und fügte ein lockeres „Und das braucht ihr auch!“ hinzu. Immerhin folgte mit dem nächsten Lied kein klassischer Metal, sondern ein lebhafter Polkarhythmus. „Seid ihr noch da?“, schrie Sänger Bass-T dem Publikum kurze Zeit später entgegen. Man ist es ja von Konzerten durchaus gewohnt, dass die Reaktionen unterschiedlich ausfallen, doch dass, abgesehen vom bandeigenen Merchandiser Michael, abgezählt niemand auf die Frage antwortete war schon bezeichnend. Noch nicht einmal der kurze Gastauftritt von A LIFE [DIVIDED]-Sänger Jürgen, der in einem der Songs eine Strophe übernahm, konnte mehr als einen kurzen Applaus aus dem Publikum herauskitzeln. „Gut ist anders“, meinte Bass-T und traf damit wohl oder übel den Nagel auf den Kopf, egal ob es nun um die gegenwärtige Stimmung in der Backstage-Halle oder die musikalische Leistung ging - obwohl er sich eigentlich weder auf das Eine noch auf das Andere bezog. Allzu schade war es daher nicht, als das Vorprogramm schließlich zu Ende ging.
A Life [Divided]
Nach einer kurzen Umbaupause würde es Zeit für den Hauptact des Abends und das Quintett um Sänger Jürgen Plangger (EISBRECHER) betrat die Bühne. Bereits 2003 wurde die Band in ihrer jetzigen Form gegründet, sie tourte in den Folgejahren mit Bands wie OOMPH! und EISBRECHER und brachte vor der aktuellen Platte „Passanger“ bereits im Jahr 2003 „Virtualized“ und drei Jahre später das Album „Far“ heraus. Nachdem es schon dem Opener nicht gelungen war, auch nur ansatzweise Stimmung in die Halle zu bringen, hatten leider auch A LIFE [DIVIDED] etwas zu kämpfen. „Das ist halt München“, meinte Sänger Jürgen im Konzertverlauf und damit hatte er Recht – wenn auch etwas anders, als es in dem Moment vermutlich gemeint war – hat doch das Münchner Publikum nicht zwangsläufig den feierfreudigsten Ruf. Es ist verdammt schwer, ein Topkonzert vor einem solchen Publikum zu spielen, und dafür schlugen sich A LIFE [DIVIDED] wirklich wacker. Sowohl der Frontmann, als auch der Rest der Band, waren bestens aufgelegt und überzeugten schon zu Beginn durch ihre energische Performance und viel Interaktion, so dass sich die Stimmung während der ersten Songs hob. Die meisten der an diesem Abend gespielten Lieder stammten von „Passanger“, doch auch ein Blick auf das Vorgängeralbum und zukünftige Projekte wurde gewährt.
Bald darf man wohl demnächst auf den ein oder anderen Livemitschnitt von A LIFE [DIVIDED] hoffen, da auf dem Konzert ausgiebig mitgefilmt wurde. Auch auf dem neuen Album sollte das Münchner Publikum sich wiederfinden, wurden doch an einer Stelle extra dafür „Hey“-Rufe aufgenommen. Anschließend gab die Band ihren neuen Song „The Lost“ zum Besten. Das Stück war etwas härter als die bisherigen Lieder und schürte die Vorfreude auf die nächste Platte. Zum Ausgleich wurde gleich darauf älteres Material präsentiert: Mit „Some Kind of Grey“ rockte A LIFE [DIVIDED] weiter, später folgte noch ein DEPECHE MODE-Cover.
„Wer ist nicht aus München?“ Zahlreiche Arme schossen in die Höhe. Jürgen fragte das Publikum, wer glaubte, die weiteste Anreise gehabt zu haben und etliche Städtenamen fielen, bevor der Ehrentitel für die längste Strecke schließlich an eine Finnin vergeben wurde. Die Fragen waren Einleitung für den nächsten Song, bei dem ein Gastmusiker hinzu gerufen wurde, der angeblich einen noch viel weiteren Weg gehabt hatte. Unterstütz mit Akkordeon hatte „The End“ einen besonders coolen Groove, der den Sound von den anderen Stücken abhob.
Irgendwann verschwand die Band von der Bühne, es war fast dunkel im Saal. Schon Zugabe? Das Publikum konnte sich nicht dazu durchringen, laut danach zu verlangen, doch immerhin schollen unablässig Pfiffe durch den Saal. Von der Seite brachte die Crew Stühle auf die Bühne, kaum war alles richtig positioniert kam die Band zurück ins Licht. Mit dem folgenden „The Ordinary“, das vornehmlich sitzend mit Akustikgitarre bestritten wurde, ließen sie es ruhiger angehen und demonstrierten, dass sie nicht nur die lauten Töne bestens beherrschen.
Es folgten noch zwei weitere Rockstücke, bevor die Band ankündigte, zum Ende des Abends zu kommen. Also gehörten die zuvor gespielten Songs doch alle noch zum regulären Set? Wenn die Stärke der Band in ihrer musikalischen Performance und der Interaktion untereinander liegt so liegt die Schwäche in den Pausen zwischen den Stücken. Ob Witze und Anekdoten erzählen, Werbung für den Merch machen oder sich nach der aktuellen Stimmungslage erkundigen: Vieles hat in den Songpausen seine Berechtigung, doch das Publikum einfach stehenzulassen während jedes Bandmitglied in Ruhe das Instrument tauscht ist suboptimal. Hier könnten A LIFE [DIVIDED] ihre Performance noch etwas ausbauen.
„Also, wir haben da hinten auf Zugabe gewartet…“, erklärte der Sänger, als die Band nach einiger Zeit wieder auf die Bühne kam, während der die Menge vor der Bühne zwar fleißig klatschte, sich sonst aber nicht weiter äußerte. Er erkundigte sich, ob das Publikum denn auch das eben genannte rufen könnte. Und tatsächlich: es funktionierte und Zugaberufe erhoben sich aus der Stille. Natürlich wurde der Bitte stattgegeben und die Anwesenden nicht ohne die populärsten Songs nach Hause geschickt. Mit dem Alphaville-Cover „Sounds like a Melody“ und ihrem Hit „Heart on Fire“ fand das Konzert somit sein Ende. Erstmals kam mehr Bewegung in die Menge vor der Bühne, es wurde mitgeklatscht und auch mitgesungen, auch wenn die Texte selbst hier abgesehen vom Refrain nicht völlig sicher saßen. Als die Musiker zum Abschied zu den Klängen der 80er-Rockballade „Purple Rain“ Lebkuchenherzen ins Publikum warfen wurde gefühlter Maßen mehr mitgesungen, als zu irgendeinem Zeitpunkt zuvor. Schade, wenn solide Rockmusik nicht mehr geschätzt wird, als Konservenmucke.
Fazit: Eine überflüssige Vorband und schwaches Publikum, aber dafür ein motivierter Headliner mit toller Musik, tiefsinnigen Texten, einer hervorragenden Songauswahl und guter Show.