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ARSTIDIR

über Kammerpop, Melancholie und isländische Eigenheiten

Isländische Musik ist in Deutschland vor allem durch SIGUR ROS und BJÖRK bekannt, doch wenn man sich in der dortigen Musiklandschaft umschaut stellt man schnell fest, dass man sie keinesfalls darauf reduzieren sollte. Seit einiger Zeit hat die Folkrockband OF MONSTERS AND MEN zunehmend von sich reden gemacht. Auch die Sängerin und Komponistin EMILÍANA TORRINI, die 2002 mit „Gollum's Song“ den Titelsong zum zweiten Herr der Ringe-Film lieferte, die Metalband SÓLSTAFIR und HJALTALIN, die uns sowohl auf dem TFF in Rudolstadt als auch beim Colours of Ostrava überzeugt haben, stammen von der Insel – ganz genau wie ÁRSTIÐÍR, die 2011 erstmals auch in Deutschland auftraten.

ArstidirSeitdem ist die sympathische Band aus Reykjavik einige Male zurückgekommen und hat im vergangenen Jahr Ende September den „Folkherbst“ im Malzhaus in Plauen eröffnet. Dort wird schon seit 1991 jährlich der nach einem alten Plauener Adelsgeschlecht benannte „Eiserner Eversteiner“ verliehen, bei dem es sich um den einzigen in Deutschland vergebenen europäische Folkmusikpreis handelt. Im Laufe der Jahre wurde die Auszeichnung von so unterschiedlichen Bands wie GARMARNA (Dieses Jahr auf dem FESTIVAL MEDIAVAL in Selb anzutreffen!), den POOZIES oder DIKANDA gewonnen. ÁRSTIÐÍR war nicht nur die erste Isländische Musikgruppe, die an für den Award kandidiert hat, sie hat auch gleich den Jurypreis gewonnen. Der Publikumspreis des Jahres 2012 ging währenddessen an die fränkische Musikkabarettgruppe GANKINO CIRCUS.

So kamen ÁRSTIÐÍR am 26.01.2013 zur Preisverleihung noch einmal nach Plauen – und natürlich, um dort ein zweites Konzert zu geben. Bevor es jedoch zum musikalischen Teil kam wurde der Abend durch die Veranstalter von einer Art Zaubershow der Veranstalter Ute Gotter und Peter Hochel eingeleitet, bei der einige Freikarten für weitere Konzerte verlost wurden. Der Auftritt war gelinde gesagt etwas skurril, doch bewiesen die beiden in ihrer Selbsteinschätzung durchaus Humor: „Hoffentlich bekommen wir einen weniger schlimmen Verriss als letztes Mal!“. Im Anschluss wurde zu den beiden Bands je eine Laudatio gehalten, bevor der Plauener Oberbürgermeister als Schirmherr der Veranstaltung die Preise überreichte.

ArstidirÁRSTIÐÍR, deren Name übersetzt für die Jahreszeiten steht, wollen sich trotz des gerade gewonnenen Folk-Preises nicht so einfach in Genreschubladen stecken lassen. Klassische Elemente finden ebenso Einfluss in die Musik wie ProgRock-Klänge, dabei bleiben die Folkwurzeln des Sextetts immer spürbar. Die Stücke klingen warm, eindringlich und melancholische – sie wissen zu berühren. So gelang es den Isländern an diesem Abend in Plauen rasch, das Publikum in ihren Bann zu ziehen, obwohl viele der Zuschauer die Band noch nie zuvor gesehen hatten. Während der Lieder herrschte fast völlige Stille im Saal, nur ab und an wurden leise geflüsterte Kommentare ausgetauscht. Kaum hatte ein Stück jedoch geendet brandete lauter Applaus auf, bevor das Publikum bis zur nächsten Pause wieder andächtig zugehört.
Mit Akustikgitarren, Bassgitarre, Geige, Cello und Klavier spielte die Band im Laufe des Aufritts sowohl Lieder ihres selbstbetitelten Debütalbums, als auch von ihrem zweiten Album „Svefns og vöku skil“. Die Instrumente und der mehrstimmige Gesang waren dabei immer perfekt aufeinander abgestimmt. Zwischen Songs wie „Sunday Morning“, „Ljod í sand“ und „Shades“, begeisterte das Sextett mit a capella-Stücken, die im Malzhaus besonders viel Zustimmung fanden. Daher gab es am Ende des Abends als Zugabe noch zwei weitere davon, die ganz ohne Mikrophone vorgetragen wurden. Gemeinsam vorne am Bühnenrand stehend luden die Musiker erst zur Party ein und boten anschließend noch ein traditionelles isländisches Lied dar. Einfach Musik, die unter die Haut geht!

Im Anschluss an das Konzert trafen wir uns für ein Interview mit Jón Elísson (Klavier) und Hallgrímur Jónas Jensson (Cello), um uns ein wenig über die Hintergründe der Band erzählen zu lassen.

Könntet ihr bitte zuerst die Bandgeschichte für uns zusammenfassen?

HJJ: Die Band wurde 2008 von den drei Gitarristen gegründet. Sie haben für ein paar Monate zusammen Coversongs gespielt und sind währenddessen aufgetreten. Dann beschlossen sie, dass sie das Projekt weiterbringen wollten, also haben sie begonnen, ihre eigene Musik zu schreiben. Der Startpunkt war dabei traditioneller Singer-Songwriter-Folk. Da alle drei Akustikgitarristen und Sänger waren basierte die Musik stark auf Akustikgitarren und Gesangsharmonien.
Ein alter Freund von Ragnar und ich hatte in einigen Projekte zusammen gespielt. Er rief mich an um zu fragen, ob ich zur Probe kommen wollte, einfach um zu sehen was passiert und es hat von Anfang an gepasst. Jon und ich haben zu dem Zeitpunkt zusammengewohnt, daher war es nur natürlich, ihn ebenfalls zum Vorspielen einzuladen. Er hatte uns einmal auf einem Konzert gesehen und hatte schon damals einige Ideen für Arrangements und einige Punkte, die er ändern wollte.

JE: Da gab es einige Sachen, die ich gerne ändern wollte und das habe ich auf der ersten Probe mit den Jungs gesagt – sie waren ziemlich überrascht. Sie waren alle ganz offen und meinten „Hey, wie wollen deine Meinung hören“, aber sie glaubten nicht wirklich, dass ich eine Meinung haben würde. Doch ich sagte einfach: „Ich war auf einem Weihnachtskonzert und dieses und jenes... ändert dies oder das.“ Ich dachte mir, falls ich in der Band sein sollte, dann sollte ich auch einen Einfluss darauf haben, was geschrieben wurde.

MD Und wurde es geändert?

JE: Ja, es wurde geändert.

HJJ: Dann durchliefen wir mit Karl, dem Geiger, genau die gleiche Prozedur. Er war der letzte, der der Band beigetreten ist, und hatte auch einige Ideen. Das ist das großartige an dieser Band! Wir sind sechs Individuen und jeder hat eine eigene Vision, die er ins Projekt einbringt.

JE: Es ist alles nur eine Frage der Diplomatie.
Arstidir
Schreibt ihr die Songs alle gemeinsam, oder kommt manchmal jemand mit einer Komposition, die schon komplett fertig ist?

HJJ: Ein bisschen von beidem.

JE: Manchmal bringt jemand eine Komposition mit, die schon grundlegend fertig ist und wir arrangieren sie nur. Ein anderes Mal bringt jemand das Skelett eines Liedes und wir arbeiten darum herum, wobei sich der Song kann im Laufe des Prozesses verändern kann.

HJJ: Es kommt einfach auf den Song an. Manchmal hat jemand den ganzen Song inklusive Text und wir arrangieren nur noch die Instrumente und einige Hintergrundgesänge. Aber manchmal haben wir nur eine vage, wirklich grundlegende Idee – wie zum Beispiel eine halbe Melodie oder ein paar Textzeilen – und wir arbeiten gemeinsam daran.  

JE: Wir haben einige simple gitarrendominierte Folklieder. Natürlich braucht man da nicht so viel Zeit drauf verwenden. Doch andere, die epischer sind und mehr Streichinstrumente beinhalten, brauchen natürlich länger. Außerdem ist solche Musik einfach schwerer zu komponieren. Wenn man versucht, Musik zu komponieren die... episch ist das falsche Wort, Musik, die wirklich Emotionen weckt, dann passiert es sehr schnell, dass es schief geht.

HJJ: Dann sitzt du da auf einem Konzert, spielst, und es passt einfach nicht.  

Aber normalerweise, wenn ihr die Lieder spielt, dann steht ihr nicht auf der Bühne, schaut ins Publikum und die sich alle fragen: „Was machen die da oben eigentlich“?

JE: Wir hatten diese Reaktion, als wir neu angefangen haben. Es könnte daran gelegen haben, dass wir damals nicht so eine große Bandbreite an Songs hatten, sondern eben vor allem gitarrenlastige Folksongs. Außerdem hatten wir noch all diese Gesangsharmonien. Die Zuschauer wussten nicht wirklich, wie sie darauf reagieren sollten - aber zum Glück mochten sie es meistens. Mir kommt es aber so vor, dass es ein Schritt in die richtige Richtung war, die Sachen etwas durchzumischen.

Habt ihr von Anfang an, sobald die Band vollständig war, mit sechs Sängern gearbeitet?

JE: Auf dem ersten Album singen vor allem die drei Gitarristen.

HJJ: Weil sie schon alle Songs geschrieben hatten, bevor Jon und ich in die Band gekommen sind.

JE: Genau. Ich kam in die Band und zwei Wochen später waren wir im Studio um das erste Album aufzunehmen. Danach haben wir begonnen, Lieder für das zweite Album zu komponieren. Hallgrímur und ich haben ebenfalls angefangen zu schreiben und daraufhin habe ich begonnen zu singen. Die drei Gitarrenspieler und ich singen am meisten. Das letzte Jahr über haben wir allerdings mit mehr Sängern herum experimentiert und hoffentlich kann Hallgrimur auf dem nächsten Album Leadsänger werden. Auf dem GANZEN Album!

HJJ: Ah, ja...

 

Verändern sich die Lieder noch wenn ihr ins Studio geht um aufzunehmen oder stehen sie zu dem Zeitpunkt schon völlig fest?

HJJ: Als wir das erste Album aufgenommen haben waren die Songs so ziemlich fertig als wir ins Studio sind und wir haben sie vielleicht noch hier und da ein wenig zurechtgebogen. Bei unserem letzten Album haben wir im Studio viel umgeschrieben und arrangiert.

JE: Davor auch!

HJJ: Wir haben in den Wochen, bevor wir ins Studio sind, sehr viel umgeschrieben. Ich erinnere mich, dass wir eine Woche im Studio gebucht hatten, um den Hauptteil der Arbeit zu erledigen, darunter die meisten Instrumente, die Gitarren und die Streicher.  

JE: Dann sind wir einfach siebzehn Stunden am Tag dort geblieben.

HJJ: Wir hatten ein Streicherquartett, das am Donnerstag kommen sollte und wir hatten seit Montag aufgenommen. Dienstagnacht ist uns dann eingefallen, dass wir noch nicht wirklich alles so für das Quartett arrangiert hatten, wie wir es wollten. Also haben wir von zehn, elf morgens bis elf nachts aufgenommen und haben anschließend in den letzten beiden Nächten jeweils noch vier, fünf oder sechs Stunden damit verbracht, für das Quartett zu arrangieren.

ArstidirJE: Wir haben sozusagen in verschiedenen Räumen gearbeitet. Karl war ein einem Raum und Olafúr Arnalds, unser Produzent, in einem anderen. Dann haben noch Hallgrímur und ich versucht, irgendetwas zusammenzubasteln.

HJJ: Das Streichquartett kam um zehn Uhr morgens am Donnerstag, hat begonnen aufzunehmen und wir hatten immer noch mindestens zwei Songs zu arrangieren. Also war Olafúr, während wir aufgenommen haben, im Kontrollraum und hat Streicher arrangiert, und in den Pausen hat Karl das gleiche gemacht.

JE: Er sagte „Ok, machen wir eine Stunde Pause – ihr könnt etwas essen“, einfach, damit er etwas Zeit hatte, weil die Musiker nicht wussten, dass die Songs nicht nicht fertig waren.  

Worin besteht für euch die Hauptentwicklung zwischen dem ersten und dem zweiten Album?  

HJJ: Wir haben vor allem die Bandbreite erweitert, sowohl von unserem Klang her, als auch von der musikalischen Sprache. Etwas verallgemeinert gesagt waren die Songs auf dem ersten Album ein bisschen einfacher. Wir hatten noch keine der komplexen Streicherarrangements wie es auf dem zweiten Album der Fall ist.

JE: Wir hatten die Geigen nicht.

HJJ: Wir hatten nur eine Cellostimme, manchmal zwei. Hauptsächlich, um hier und da eine Melodie hinzuzufügen. Auf dem zweiten Album hatten wir ein Streichquartett, das eins der Hauptmerkmale von mindestens zwei oder drei Liedern ist. Wir haben auch einige klavierlastige Lieder, was auf dem ersten Album nicht vorkam. Das zweite Album hat durchaus Lieder, die in die gleiche Schiene gehen, wie das erste Album; nur mit gezupfter Akustikgitarre und etwas Gesang. Allerdings haben wir auch Songs, die sich davon extrem unterscheiden.

JE: Auf dem zweiten Album haben wir viel mehr unterschiedliche Gesangsharmonien und natürlich mehr Sänger.

HJJ: Es sind sechs statt drei Sänger. Wir haben elektronische Klänge, Synthesizer, andere Instrumente...

JE: Die man nicht wirklich auf dem Album hören kann, sondern die sozusagen nur für die Klangfarbe genutzt wurden. Unser erstes Album ist in gewisser Weise roh, einfacher Gitarrenfolk. Bei dem aktuellen Album hatten wir Olafúr Arnalds als Produzent. Er hat sich Monate vor dem Aufnahmeprozess mit uns getroffen, wir haben ihm Stücke vorgespielt und er sagte uns, ob er sie mochte oder nicht. Es war sozusagen viel professioneller – und hoffentlich wird es nächstes Mal sogar noch professioneller. Vielleicht haben wir sogar die Streicherarrangements fertig, bevor wir ins Studio gehen!

HJJ: Hoffentlich.

JE: Das ist unser Ziel – zumindest für uns selbst.

Auf dem zweiten Album habt ihr mehr Texte auf Isländisch, während ihr auf dem ersten mehr in Englisch singt.

HJJ: Ich glaube, auf dem ersten Album ist es ziemlich fünfzig-fünfzig, fünf Lieder in Isländisch und fünf in Englisch. Auf dem zweiten Album sind es neun in Isländisch und drei in Englisch.

JE: Wir hatten uns noch nicht für eine Richtung entschieden, in die die Texte gehen sollten. Die Jungs haben einfach Texte in der Sprache geschrieben, die ihnen für den jeweiligen Song passender erschien. Auf dem zweiten Album hatten wir die grundsätzliche Idee, dass wir mehr isländische Texte wollten. Ich schreibe nur auf Isländisch, weil das meine eigene Sprache ist. Deshalb hat sich das einfach entwickelt. Wir haben einmal überlegt, ein Album nur mit isländischen Texten herauszubringen, doch wir hatten englischsprachige Lieder, die einfach zu gut waren, um sie nicht auf das Album zu nehmen. Außerdem hat es sich nicht richtig angefühlt, die Texte ins Isländische zu übersetzen. Ich weiß, dass die Meinungen geteilt sind, ob wir in Isländisch oder in Englisch singen sollten – innerhalb der Band ebenso, wie außerhalb davon. Aber ich mag das Endergebnis ziemlich.

Ich habe die Frage gestellt, weil ihr ziemlich viel im Ausland und nicht in Island spielt. Und natürlich ist es für Leute, die nicht aus Island sind, mit englischen Texten leichter, sich in die Lieder einzudenken.

JE: Stimmt, aber das kommt einfach auf das Land an. Wir waren drei Mal in Russland, wo die Mehrheit der Zuschauer gar kein Englisch spricht. Deshalb haben wir dort Übersetzer, manchmal hatten wir sogar Simultanübersetzer, die alles übersetzen während wir redeten – was ziemlich nervig was. Wenn wir in Russland spielen ist es den Leuten egal, ob wir in Englisch oder Isländisch singen, weil es ihnen sowieso alles Spanisch vorkommt. Wenn Leute die Sprache nicht verstehen scheinen ihnen die isländischen Stücke lieber zu sein als die englischen. Sie haben Englisch oft gehört, aber wenn sie das allererste Mal auf einem unserer Konzerte sind, dann haben sie meistens noch nie jemanden Isländisch sprechen hören weil Isländisch einfach nur von 350.000 Leuten weltweit gesprochen wird. Manche Leute finden, es klingt Elbisch. Andere denken, dass es sich so anhört, als würde man einfach herumspinnen. Allerdings können sich so ziemlich alle darauf einigen, dass es alt klingt. Es ist menschlich, dass etwas, wenn es alt ist, sozusagen Glaubwürdigkeit in den Augen der Zuhörer gewinnt. Zumindest in Osteuropa hat das für uns gut funktioniert und es scheint auch in Deutschland anzukommen.

HJJ: Ich glaube, selbst wenn jemand die Texte nicht versteht, bringt der Charakter der isländischen Sprache gut herüber, worum es in unserer Musik geht. Die Themen unserer Musik sind ziemlich melancholisch.

JE: Bis fast an den Punkt der Depression. Das Isländische gibt den Texten vor, in welche Richtung sie zu gehen haben. Ich kann mich an keinen einzigen alten isländischen Song erinnern, der in Dur geschrieben ist. Sie sind alle in Moll und klingen wie „Fuck, ich will hier nicht sein“ und „Argh, hier ist zu viel Schnee und es ist dunkel“. Sie sind nicht weinerlich, aber sie können ziemlich deprimierend sein. Island ist wirklich so, bedrückend. Isländer mögen einen Poeten, der Depression gut schreiben kann.

ArstidirHJJ: Viele der Themen auf unserem neuen Album drehen sich um Einsamkeit und Bedauern. Ich glaube besonders Einsamkeit ist etwas, womit Isländer vertraut sind, da sie auf einer winzigen Insel isoliert sind. Besonders historisch gesehen war sogar jeder einzelne ziemlich isoliert: Wenn man auf dem Land lebte...

JE: ...in einem Tal oder einem Fjord...

HJJ: ...alleine in einem Tal, und man konnte während etwa Dreiviertel des Jahres nicht reisen...

JE: ...weil das Wetter es nur im Sommer zulässt, dass man seinen eigenen Fjord verlässt.

HJJ: Du triffst acht, neun Monate lang keine Menschen und es ist zweiundzwanzig Stunden am Tag dunkel.

JE: Man darf nicht vergessen, wie Leute damals gereist sind. Immerhin ist das einfach ein großer Berg, also mussten die Menschen über Berge laufen um zur nächsten Farm zu kommen. Und es kann so zwei Tage lang gedauert haben.

HJJ: Sie liefen durch einen Schneesturm, und gruben sich nachts in Schnee ein, um sich warmzuhalten.

JE: Und falls du das überlebt hast gehst du danach weiter. Es ist ziemlich frustrierend. Das seltsame an der isländischen Art ist, besonders im Winter, dass sie dich nicht runterzieht, sondern dich sozusagen mehr in dich gehen lässt. Es ist sehr melancholisch aus dem Fenster zu sehen. Als ich ein Kind war lebten meine Großeltern auf dem Land. Und ich schaute nachts aus dem Fenster und alles, was ich sehen konnte, waren diese Berge und keine Lichter. Wirklich, es ist irgendwie deprimierend, aber gleichzeitig ist es auch das, was Isländer nutzen, wenn sie etwas künstlerisches erschaffen.

HJJ: Es ist bewusste Depression.

JE: Genau, weil du damit jedes einzelne Jahr klarkommen musst. Es ist ein Teil des Lebens.

Gibt es eine generelle Botschaft die ihr mit euren Songs vermitteln wollt, oder eher eine Stimmung?

HJJ: Ich würde eher nicht sagen, dass es eine Botschaft ist. Aber vielleicht eine Idee, eine Idee des Seins, die sozusagen der isländische Weg der Unabhängigkeit und Einsamkeit ist.

JE: Du gehst damit auf positive Weise um. Ich neige dazu, Musik nur für mich und nicht für andere zu schreiben. Allerdings habe ich auch gerade für meine Großelten Lieder geschrieben, von denen ich dachte, dass sie sie vielleicht mögen könnten und in denen ich versucht habe, die isländischen Traditionen zu verwenden. Darauf läuft es letztendlich hinaus: Lieder für meine Großeltern.

Könntest du dir vorstellen, in anderen Genres zu spielen als du es im Moment tust oder gibt es etwas, das du dir gar nicht vorstellen könntest?

ArstidirJE: Wir haben sehr unterschiedliche musikalische Hintergründe. Ich höre Bob Dylan, aber würde nie diese Art von Musik machen. Das Ding ist, auch wenn du bestimmte Musikrichtungen magst, und ich höre viel Pop und ich liebe einige lächerliche Pop-Songs – LIEBE sie einfach. Aber ich würde nie „Simply the best“ ein zweites Mal schreiben. Ich bin der Meinung, dass jeder Komponist seine eigene musikalische Identität hat. Wenn du darauf achtest kannst du es auf den Alben hören. Du kannst hören, welcher der Jungs welche Sachen verwendet. Es sind sechs von uns in der Band, die sehr unterschiedliche Hintergründe haben, deshalb streiten wir ziemlich viel darüber, welche Musik gut ist und welche Musik nicht.

HJJ: Aber auf gute Art und Weise.

JE: Die meisten von uns spielen sowieso in anderen Genres.

HJJ: Ragnar hat einige Projekte.

JE: Das ist übrigens Ragnar. *Deutet auf Ragnar, der neben ihm sitzt*

HJJ: Er hat wirklich einen der diversesten Hintergründe innerhalb der Band. Ragnar singt zum Beispiel in sehr unterschiedlichen Metalbands, darunter eine Band namens MOMENTUM, die fast in Richtung Grind...

JE: Nein.

HJJ: Doom...

Ragnar: Alles von den eben genannten.

  HJJ: Genau. Ragnar und Karl spielen auch in einer Prog Metal Band, mit der Jon und ich ebenfalls auf Konzerten gespielt haben.

 [Anmerkung: In IN SIREN könnt ihr auf Soundcloud reinhören, eine Rezension zum Debütalbum „In Between Dreams“ folgt]

JE: In der ich mal Mitglied war!

HJJ: Stimmt. Jon hat auch einige Songs für sie geschrieben.

JE: Ich war auch in einer Art New Wave Synth Band und habe viel Filmmusik für Gruselfilme gespielt.

HJJ: Karl spielt gerne zeitgenössische klassische Musik. Daniel hat beispielsweise ein Tribute-Konzert für Nick Drake gegeben.

JE: Dann spiele ich Jazz und auch Latin. Jeder bringt etwas anderes mit, niemand hat den gleichen Hintergrund. Und wirklich, das scheint im Moment ganz gut zu funktionieren. Wer weiß, vielleicht fange ich plötzlich mit einem Latin Song an… eher doch nicht.

ArstidirKarl: Habt ihr schon über die Tour gesprochen?

Noch nicht.

Karl: Wir supporten PAIN OF SALVATION auf ihrer Europatour. Ein Konzert ist dabei in Deutschland, im Turock in Essen. Und wir sind mit unserer progressive Rock-Metal-Band in Schweden auf Tour.

HJJ: Das beweist, wie divers nicht nur wir sind, sondern auch die Leute, die unsere Musik hören.

JE: Jetzt haben wir einen Folkmusik-Preis bekommen, aber so sieht uns nicht notwendigerweise jeder und es ist wirklich schwer einzugrenzen, was wir machen.

Wie würdet ihr euch denn selbst beschreiben?

JE: Wir mochten... was war nochmal die Beschreibung, die wir mochten?

Karl: Kammer Pop.

JE: Aber ich denke, dass Kammer Pop einige der schwereren  Elemente auslässt.

HJJ: Ich würde nicht sagen, dass es eine perfekte Definition ist, aber ich glaube schon, dass es sowohl die melodischen Elemente der Band einfängt, als auch unsere wirklich zeitgenössischen Einflüsse. Wir sehen uns nicht wirklich als Folkband. Es mag vielleicht Folkeinflüsse geben.

JE: Jedes einzelne Mal, wenn du Musik machst, hast du Folkeinflüsse, besonders wenn du deine eigenen Sachen schreibst. Dein Hintergrund und deine Erziehung spielen dabei eine Rolle. Meine Familie singt viel und ich habe zehn nahe Verwandte, die in Chören sind – also so ziemlich jeder. Auf Familientreffen haben wir immer alte isländische Lieder gesungen. Natürlich färbt das ab.

Karl: Das ist sozusagen ein isländischer Charakterzug.

JE: Karl ist aus Amerika, daher kann er Leuten aus anderen Ländern besser sagen, was an den Isländern besonderes ist – wir anderen sind einfach zu nah dran.  

Karl: Sie singen einfach die ganze Zeit. Wo ich herkomme ist es peinlich, in der Öffentlichkeit zu singen, aber in Island ist es peinlich, NICHT in der Öffentlichkeit zu singen.

JE: Ganz genau. Es ist ungefähr so: 'Du singst nicht?' - 'Nein, ich mag das nicht...' - 'Du MAGST das nicht?!' *lacht*
Ich habe einen Cousin und jeder außer diesem einen Cousin singt. Er fühlt sich deswegen richtig schlecht. Es hört sich fast wie ein Monty Python-Sketch an. Es ist seltsam: Ich habe nie wirklich darüber nachgedacht, bevor ich in diese Band gekommen bin, angefangen habe Interviews zu geben und dazu befragt wurde. Da ist mir erst klar geworden, dass es komisch ist. Und seither setze ich mich immer wieder damit auseinander.

MD: Aber du kommst damit klar?

JE: *lacht* Ja, ziemlich gut.
Die Leute finden es unterhaltsam. Sie mögen es, dass Isländer auf ihre eigene Art und Weise seltsam sind. Dadurch wirken sie exotischer.

Wir haben die Tour schon erwähnt. Aber habt ihr noch andere Pläne für dieses Jahr? Arbeitet ihr schon an eurem nächsten Album?

HJJ: Im Moment befinden wir uns am Anfang der Arbeit an unserem nächsten Album. Ungefähr vor einer Woche waren wir das erste Mal in unserem neuen Proberaum und haben ihn zuallererst grundgereinigt. Wenn wir dieses Jahr nicht auf Tour sind werden wird unser Hauptfokus sein, in Reykjavik an unserem neuen Material zu arbeiten. Wir legen im Moment unsere neue Richtung fest, weil wir uns immer weiterentwickeln wollen.

JE: Das Problem besteht grundsätzlich darin, dass es so viele Dinge gibt, die man machen könnte. Wir können aber kein Album herausbringen, das aus total unterschiedlichen Sachen besteht, aber hoffentlich werden wir etwas Neues haben, wenn wir in Rudolstadt spielen.

HJJ: Anfang Juli diesen Jahres werden wir zurück in Deutschland sein. Wir haben schon auf Festivals in Deutschland gespielt, zum Beispiel waren wir auf dem Bardentreffen in Nürnberg. Wir haben zwei wunderbare Konzerte gespielt und als wir fertig waren sind wir einfach durch die Stadt gelaufen, haben die Konzerte an allen Ecken genossen, das Bier und das gute Essen...

JE: Eine wunderschöne Stadt! Als wir auf dem Bardentreffen aufgetreten sind war es das erste Mal, dass wir überhaupt in Deutschland gespielt haben. Wir haben uns sehr über die Rückmeldungen gefreut, weil wir davor nicht wussten, wie das deutsche Publikum reagieren würde. Wir waren sehr glücklich, weil wir zwei Konzerte gegeben haben und bei dem zweiten waren ungefähr 1500 Leute im Publikum, die total still im Regen standen...

HJJ: Auf einem Platz in der Mitte von Nürnberg, und der Platz war voller Leute – und es waren auch Leute an den Fenstern in all den Gebäuden ringsherum. Wie spielen keinen Beat oder Feelgood Music oder irgendsowas. Also haben die Leute für über eine Stunde im Regen gestanden und einfach zugehört.

JE: Sie waren total still. Es ist immer schön für Leute zu spielen, die tatsächlich zuhören. Es gibt Musikarten, bei den du nicht unbedingt Zuschauer brauchst, die wirklich zuhören, aber wir brauchen das WIRKLICH. Sonst  funktioniert es für uns einfach nicht. Wir mochten das deutsche Publikum von Anfang an. Deshalb kommen wir immer gerne wieder, trinken noch ein paar Bier...

Ragnar: Hast du „Tvíeind“ schon erwähnt?

JE: Nein.

Willst du es jetzt erwähnen?

HJJ: Gerade jetzt lassen wir die erste Auflage unserer neuen EP „Tvíeind“ mit Remix-Liedern pressen. Es ist ein Projekt mit fünf Künstlern aus Island und Russland, die Lieder unseres neuen Albums remixt haben.

JE: Wir veröffentlichen es jetzt und bekommen so vielleicht etwas mehr Zeit mit dem nächsten Album. Wir haben auch vor danach ein anderes Remix-Album herauszubringen, auf dem vermutlich ebenfalls Lieder des neuen Albums sein werden, aber eben andere als dieses Mal. Oder vielleicht auch einfach total andere Remixes.

HJJ: Ich glaube, das ist DAS große Ding in den nächsten Monaten. In April sind wir dann mit PAIN OF SALVATION unterwegs. Wir touren so ziemlich durch ganz Europa. Fünfzehn, sechzehn Länder in zwanzig Tagen.

JE: Raggi hat mir vorhin gesagt, dass es ungefähr zehn Länder sind.

HJJ: Oh, dann fünfzehn Konzerte in zehn Ländern?

Ragnar: Ich glaube es sind siebzehn oder achtzehn Länder in elf Tagen.

HJJ: Ok, ziemlich gut!

JE: In ELF Tagen?! Das müsste uns erst mal jemand nachmachen, wir kämen damit vermutlich ins Guinnessbuch der Rekorde!

Ragnar: Elf Länder.

HJJ: Elf Länder, zwanzig Tage?

[Anmerkung: Es sind tatsächlich zwölf Länder in siebzehn Tagen + dazwischen zwei konzertfreie Tage]

HJJ: Im Sommer spielen wir auf Festivals. Im Juni sind wir in Kanada um auf dem NXNE zu spielen.

JE: Und dann sind wir in Rudolstadt, was echt wichtig ist.

HJJ: Im September werden wir glaube ich wieder in Deutschland sein. Wir haben die Tour noch nicht ganz fertig, aber vermutlich werden wir mehr im Norden als im Süden sein. Vermutlich spielen wir wieder in Osnabrück und Dresden.

JE: Oh Dresden! Wir hatten dort eine großartige Zeit! Die Dreikönigskirche war eine wunderschöne Location.

HJJ: Hoffentlich überall in Deutschland und hoffentlich werden wir...

JE: … so groß sein wie SILBERMOND!

HJJ: Hoffentlich können wir die Tour in den nächsten Wochen bekanntgeben. Wir sind im November auch in den Benelux-Ländern. Aber abgesehen davon werden wir vor allem wirklich hart an unseren neuen Sachen arbeiten und viel Zeit im neuen Proberaum verbringen und Vorbereitungen für die Studioarbeit treffen.

Also, vielen dank für eure Zeit – und wir freuen uns sehr darauf, euch in Rudolstadt auf dem TFF 2013 wiederzusehen.

ÁRSTIÐÍR sind:
Ragnar Ólafsson: Gitarre, Gesang
Gunnar Már Jakobsson: Gitarre, Gesang
Daniel Auðunsson: Gitarre, Gesang
Hallgrímur Jónas Jensson: Cello, Gesang
Karl Aldinsteinn Pestka: Geige, Gesang
Jón Elísson: Klavier, Gesang

Arstidir

Auf Tour mit PAIN OF SALVATION und ANNEKE VAN GIERSBERGEN:
03.04.2013 – Krakow (PL), Kwadrat
04.04.2013 – Warsaw (PL), Progresja
05.04.2013 – Prague (CZ), Klub Nova Chmelnice
06.04.2013 – Bratislava (SK), Majestic Music Club
07.04.2013 – Budapest (HU), Club 202
08.04.2013 – Wien (AT), Szene
10.04.2013 – Bologna (IT), Estragon
11.04.2013 – Rome (IT), Orion
12.04.2013 – Milano (IT), Magazzini Generali
13.04.2013 – Yverdon (CH), Amalgame
14.04.2013 – Toul (FR), Chez Paulette
15.04.2013 – London (UK), The Garage
17.04.2013 – Paris (FR), Le Trabendo
18.04.2013 – Pratteln (CH), Z7
19.04.2013 – Weert (NL), De Bosuil
20.04.2013 – Zoetermeer (NL), Boerderij
21.04.2013 – Essen (DE), Turock

Zu diesem Interview:

Autor:
Kolyma

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Artikel eingestellt:
25.02.2013