Suche:

NACHTGESCHREI

Abschiedsinterview mit Sänger Hotti

Ende März wird der langjährige NACHTGESCHREI-Sänger Hotti die Band verlassen, nur noch drei letzte Konzerte stehen zuvor an. Wir haben mit ihm noch einmal über die vergangenen Jahre und über das, was er aus dieser Zeit mitnimmt, gesprochen.  

 

NACHTGESCHREI ist inzwischen sechs Jahre alt. Lass uns noch einmal gedanklich zu den Anfängen zurückkehren. Wie kam es überhaupt dazu, dass du mit in die Band gekommen bist? Wie siehst du rückblickend die erste Zeit?

Zunächst sehe ich da etwas mehr als nur 6 Jahre. Mein Cousin, mit dem ich sowieso gerade mal wieder ne Band hatte (Mind in Progress), kam zu mir und fragte mich, mit beängstigender Ernsthaftigkeit, ob ich nicht Bock auf ne deutschsprachige Rockband hätte.

NachtgeschreiDie Idee fand ich gut, es war mal wieder an der Zeit etwas lauter zu werden. Ich lernte zunächst Joe und Nik kennen und war sofort begeistert von den beiden.
Der zottelige Nik schaute mir damals nicht einmal in die Augen, wenn wir miteinander sprachen, eigentlich schaute er niemandem in die Augen, aber ich mochte ihn einfach. Heute zählt er zu den beeindruckendsten Menschen, die ich je kennen lernen durfte.
Der Joe war der wohl zielstrebigste Mensch, den ich bis Dato kennen gelernt habe. Alles wurde strukturiert und ordentlich auf die Gleise gefahren. Die Gitarrenbesetzung von Mind in Progress haben wir damals gleich mitgebracht. Der Gute hat bei dem Tempo aber nicht lange mithalten können, denn irgendwann verschlang das ganze so viel Zeit, dass man sich entscheiden musste.
Im damaligen Proberaum schlich so ein Typ rum, der verdammt gut Gitarre spielen konnte und bereit war, sein Leben dafür zu opfern.
Das war der Sane und den haben wir einfach mitgenommen. So fuhr der Zug los und Tilman sprang auf. Am nächsten Bahnhof der Oli, am Bahnhof darauf war das Album, am nächsten wartete ein Label etc.


Was sind die schönsten Erinnerungen, die du mit NACHTGESCHREI verbindest?

Das sind schlicht zu viele um sie einfach mal in ein Interview zu schreiben. Würde keine Sau interessieren. Ich versuche alles als eine große ganze Erinnerung zu sehen. Die Tour mit STS hat jedoch wirklich was ganz Besonderes hinterlassen.


Seit den Anfängen hat sich viel getan. Was waren für dich die wichtigsten Stationen auf dem Weg bis heute?

NachtgeschreiWenn ich die Zeit reflektiere, gibt es dort keine eindeutigen Stationen. Es ist mehr das permanente Setzen von Prioritäten. Man zieht eine Kurve und diese Kurve wurde zum Glück immer ein wenig steiler. Aufgrund einer Stagnation dieses Kurvenanstieges die Band zu verlassen, wäre schlichtweg ausgeschlossen für mich gewesen. Da hätte ich etwas beweisen müssen. Ich gehe zum Glück mit der Gewissheit, es bereits bewiesen zu haben, auch wenn wir nicht im hellen Glanz des Sternenhimmels, mit all den anderen Sternen um die Wette gestrahlt haben.


Welchen Schwierigkeiten seid ihr dabei begegnet? Gibt es Dinge, die du mit deiner heutigen Erfahrung anders angehen würdest?

Immer stellst du mir zwei Fragen auf einmal, ich werde zunächst die erste beantworten: Ja, wir sind auf Widerstand gestoßen. Wurden als Nazi Band betitelt, was ich bis heute nicht nachvollziehen kann. Veranstalter empfanden uns als „nicht partytauglich“ womit sie selbstverständlich die Show gemeint haben und nicht die Aftershow. Aber alles in allem sind wir relativ unbeeindruckt weiter unseren Weg gegangen (viele Optionen hat man an der Stelle auch nicht). Mit diesen 6 Jungs habe ich zusammen viele Hürden genommen und wir sind zusammen einige wirklich steinige Wege hochgekrakselt. Wir wurden gemeinsam wie Hunde getreten und wie Helden gefeiert. Diesen extremen Kontrast hat die NG-Zeit in mein Leben gebracht. Das sind Eindrücke die bleiben.
Nun zur zweiten Frage: Ich denke nicht, dass ich gänzlich anders gehandelt hätte. Mein Ausstieg hat auch nun wirklich nichts damit zu tun, dass ich einen Fehler, bei der Entscheidung alles auf Musik zu setzen, eingestehen müsste. Ich würde es wieder tun…und wieder…und wieder…und wieder…etc. Damit ich am Ende dort stehe, wo ich jetzt bin.


Ihr habt in den Jahren zwei Promoscheiben und drei Studioalben mit insgesamt 36 Songs veröffentlicht. Welcher davon ist für dich inhaltlich der Wichtigste und welchen spielst du am liebsten live bzw. hast du am liebsten live gespielt?

Mmmh, das ändert sich immer wieder. Ich hab schon so meine Favoriten, die ich einfach gerne live singe. Meist die Lieder vom Sane, wie „Herbst“ und „So weit wie nötig“, aber auch ein Ardeo macht mir Freude. Über die Reise müssen wir an der Stelle nicht reden. Wenn alle auf dem Boden sitzen und so laut mitsingen das mir der Atem stockt, fällt es schwer ans aufhören zu denken.
Im Nachhinein fällt mir auch auf, wie trefflich der letzte Titel auf dem letzen Album doch ist. Wir spielen den „Reisenden“ jetzt auch live im Programm, was mir doch irgendwie leicht nahe geht.

NachtgeschreiInwieweit hat die Band und die Musik in den vergangenen Jahren dein Leben mitgeprägt? Welche Erfahrungen nimmst du aus der Zeit mit?

Naja, natürlich prägen uns die Wege die wir gehen. Ich bin halt jetzt 6 Jahre öffentlich den Weg des NG-Sängers gegangen und habe dabei natürlich unendlich viel erlebt.
Nach dem Konzert drehe ich immer die Ehrenrunde (Autogramme und Fotos) und danach setze ich mich gerne ab und unterhalte mich mit irgendwelchen fremden Menschen, die anscheinend das Bedürfnis haben, mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Ich habe dies sozusagen zu meinem Hobby gemacht, mehr über diese Menschen zu erfahren. Dabei habe ich schier unzählige Lebensgeschichten gesammelt und wenn ich nur aus jeder dritten Geschichte etwas gelernt habe, habe ich immer noch viel dabei gelernt.


Was war der letztendliche Auslöser für die Entscheidung, aufzuhören? Wie hat der Rest der Band darauf reagiert?

Der Auslöser war ein klarer Entschluss von mir. Ich habe mich dagegen entschieden, weiterhin im Mittelpunkt zu stehen, denn da fühle ich mich einfach nicht so recht wohl. Irgendwann befindet man sich auf einer Zwangsparty, auf der Erwin, der Heidi von hinten an die Schulter fasst und versteht einfach nicht was man hier nun verloren hat. Es fühlte sich irgendwie nicht mehr „richtig“ an, oder ausreichend.


Warst du in den vergangenen Monaten eigentlich an der Suche nach deinem Nachfolger beteiligt?

Japp, aber viel hatte ich leider nicht zu bieten. Ich kenne nicht so viele Sänger. An den Castings nehme ich jedoch nicht Teil. Ich glaube, das ist allen Beteiligten ganz recht so.


Was erwartest und erhoffst du dir von den verbliebenen drei Konzerten Ende März?

Nicht mehr oder weniger als sonst auch. Es sind halt noch drei weitere Konzerte. Sie werden vielleicht sogar noch etwas anstrengender werden als bisher. Wir werden sehen. Ich mache mir im Vorfeld nie wirklich viele Gedanken über die Konzerte. So etwas ist wie Gift. Einfach machen, nix erwarten.


Was macht für dich überhaupt eine gute Show aus?Nachtgeschrei

Allgemein? Authentizität und Professionalität perfekt gemischt. Der Rest ist Technik.


Eure Konzerte waren immer sehr energiegeladen und gerade du wirbelst ja ziemlich über die Bühne. Woher nimmt man auch bei langen Shows die Kraft, die ganze Zeit über volle Power zu geben?

Adrenalin.


Wirst du auch weiterhin Musik machen, oder ist dieses Kapitel deines Lebens für dich abgehakt?

Das sind wieder zwei Fragen in meinen Augen.

1. Natürlich mache ich weiter Musik. Ich werde erst damit aufhören, wenn ich sterbe.
2. Das Kapitel, als Sänger berühmt zu werden und damit mein Geld zu verdienen, ist für mich zunächst einmal abgehakt.


Die Musik mal außer Acht gelassen: Was steht bei dir sonst noch in nächster Zeit an?

Gerade versuche ich den Schuppen um mich herum zusammenzuhalten.
Da ich ja nun wegziehe, lasse ich schon so manches Geliebtes zurück und dadurch weht gerade viel Wind durch mein Leben. Es gilt einfach irgendwie durch den Sturm hindurch zu kommen und mir alles, wenn überhaupt, nur an meiner Sturmfrisur anmerken zu lassen.
Nachdem ich dies geschafft haben werde (Mit Hinweis auf die Ausdrucksweise werde ich ein neues Leben mit neuen Herausforderungen beginnen. Über Pläne, meine Zukunft betreffend, möchte ich an dieser Stelle aber nicht sprechen.


Glaubst du, dass du die „Glut in den Augen“ manchmal vermissen wirst?

Oh ja, das werde ich, aber ich habe für mich alles erreicht was ich angestrebt habe. Und nehme es mit.


Lieber Hotti, vielen Dank für das Interview und deine ehrlichen Worte. Wir wünschen dir für die Zukunft alles Gute!

Nachtgeschrei

 

Zu diesem Interview:

Autor:
Kolyma

Weiteres:

Gelesen:
3262 x

Artikel eingestellt:
28.03.2012