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GEBRüDER THOT

Interview

Interview Gebrüder Thot

 

 

Vor kurzem erschien unter dem Titel „Die Spinne und andere unheimliche Erzählungen“ das erste Hörbuch der Gebrüder Thot. (Siehe dazu unsere MD-Rezension). Hinter dem klangvollen Namen verbergen sich Thomas Lindner und sein Bruder Stefan. Während Thomas seit Jahren als Sänger der Bands WETO und SCHANDMAUL erfolgreich die Bühnen der Republik rockt, tritt Stefan mit den ausnahmslos von ihm verfassten Kurzgeschichten nun zum ersten Mal ins Licht der Öffentlichkeit. Für Metal-District nahm er sich die Zeit ein paar Fragen zu diesem und eventuell folgenden Hörspielen, sowie dem neu gegründeten Label „Lindenblatt-Records“ zu beantworten:

 

 

Seit wann schreibst du?

 

Auf gewisse Weise schreibe ich schon ewig. Immer wieder – an irgendwas. Aber tut das nicht fast jeder?

Mit „Die Spinne“ habe ich dann endlich mal etwas begonnen und bis zum Ende durchgezogen.

Von daher tendiere ich zu der Antwort: Ich schreibe jetzt.

So ein fertiges Produkt motiviert dann natürlich auch dazu weiter zu machen. Und ich kann dabei auf einen recht großen Fundus von dem „irgendwas“ zurück greifen.

 

Woher beziehst du deine Inspiration?

 

Klingt vermutlich langweilig, aber ich beziehe meine Inspirationen aus allem. Aus dem Leben. Das kann Erlebtes sein oder etwas, von dem ich gehört habe. Ich lese, höre Musik … Man muss nur die Augen und Ohren aufsperren - Stoff für Geschichten gibt es genug. Das kann mal nur ein Schlagwort sein, ein Dialogfetzen oder aber auch ein ganzes Story-Gerüst. Die genauen Formulierungen und Details - der Bauch der Geschichte - entstehen dann spontan beim Schreiben selbst.

 

Hat der morbide Humor und der Zynismus der Geschichten etwas mit deiner Arbeit in der Behindertenpflege zu tun?

 

Hmmm … Ich weiß was du meinst, aber auch wenn ich tatsächlich schon mehrmals beruflich mit dem Tod konfrontiert wurde, ist mein Job wohl nicht mit dem eines Rettungssanitäters oder eines Arztes in der Notaufnahme vergleichbar. Todesfälle sind selbstverständlich auch hier prägend und veranlassen zu tiefgründigen Gedanken, aber ich benötige zum Glück keinen „Panzer“ aus morbidem Humor. Dafür bietet es jede Menge Nährboden für Fäkal-Humor!

Meine mit den Jahren eher noch anschwellende, zynische Ader speist sich auch hier wohl eher aus dem Leben allgemein. Aus der bizarren, manchmal doch sehr kaputten Welt, in der wir leben.

 

Was gab den Ausschlag mit den Texten jetzt sozusagen an die „künstlerische Öffentlichkeit“ zu gehen?

 

Der Wunsch, mal etwas selbst verfasstes zu veröffentlichen, besteht schon sehr lange. Es ist allerdings recht schwer, sich tatsächlich auf das Schreiben zu konzentrieren, wenn man beruflich und privat sehr eingespannt ist. In einem kleinen Zeitfenster auf Knopfdruck eben mal kreativ und produktiv zu sein, ist eine harte Nuss! Also beschloss ich, mich nun vorrangig an Kurzgeschichten zu versuchen. Dann kam die Idee, das Ganze zu vertonen. Ich fragte meinen Bruder, der wie ich seit frühester Kindheit ein Hörspiel-Nerd ist, und er hatte Bock. Also haben wir einfach losgelegt.

 

Wie kam es zu bzw. was steckt hinter dem Namen „Gebrüder Thot“?

 

Ich habe nach einem coolen Namen für das Projekt gesucht. Verschiedene Ideen spukten in meinem Kopf herum. „Brüder“ spielten dabei immer eine Rolle. Aber nichts hat mich so richtig überzeugt.

„Gebrüder Thot“ brachte dann meine Ex-Frau ins Spiel, deren Werbeagentur „Creative Partners“ übrigens auch für das geile Cover-Artwork verantwortlich zeichnet. An dieser Stelle auch nochmal vielen Dank an den Graphiker Sandro Lindner (nicht verwandt)! „Gebrüder Thot“ klingt nicht nur toll, sondern erinnert natürlich auch sowohl an die Gebrüder Grimm, als auch an den alten Gevatter Tod. Eine schöne Mischung, wie ich meine.

Darüber hinaus ist „Thot“ aber auch eine ägyptische Gottheit. Er ist Gott des Mondes, der Magie und der Wissenschaft. Er sortiert die Toten in gute und schlechte Menschen. Und zu guter Letzt ist er Schutzpatron der Schreiber.

Ich finde der Name drückt einfach perfekt aus, worum es mir bei diesen Geschichten geht.

 

Warum hast du dich entschieden für die Veröffentlichung ein eigenes Label zu gründen?

 

Das hat zwei Gründe: Zum einen habe ich in meinem unmittelbaren Umfeld jede Menge kreative und talentierte Menschen. Zudem war es mir wichtig, bei allen Arbeitsschritten direkt beteiligt zu sein. Ich sah, kurz gesagt, gar keine Notwendigkeit fremde Hilfe beim Entstehungsprozess in Anspruch zu nehmen. Auf diese Weise hatte ich völlige künstlerische Freiheit.

 

Bei der Vermarktung - dem Bekanntmachen und dem Vertrieb – wäre Unterstützung freilich andererseits sehr wünschenswert! Aber bleiben wir realistisch: So groß, wie vielleicht mancher meint, ist der Hörspielmarkt nicht. Wenn man nicht gerade einen Bestseller von einer berühmten Stimme einsprechen lässt, die „Drei ???“ oder „John Sinclair“ produziert, dann muss man schon aufpassen, dass sich alles wenigstens refinanziert.

Bei einem großen, etablierten Verlag finden wir da erstmal gar kein Gehör. Die werden täglich mit Aufnahmen, Manuskripten und Sprechproben zugekotzt. Da wartet niemand auf aus dem Nichts auftauchende Gebrüder Thot! Also bleiben die kleinen Buch- und Hörverlage. Ich mag diese keineswegs schlecht reden! Im Gegenteil! (Ich bin selbst Fan, der mit größtem Bedauern die Einstellungen von geschätzten Serien oder gar dem Untergang von ganzen Platten-Labels beiwohnen muss.) Aber hier stellen sich folgende Fragen: Ist es bei einem derartigen Schuss ins Blaue wie der „Spinne“ sinnvoll, Leute an Bord zu holen, die daran mit verdienen müssen?

Führt dies dann wirklich zu einem lohnenswerten Mehr an Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit?

Mag ich dafür Rechte an meinen Texten abgeben? Ich habe diese Fragen zumindest zum jetzigen Zeitpunkt mit „Nein“ beantwortet. - Darum „Lindenblatt-Records“!

 

Wie war die Erfahrung, die Texte im Studio einzusprechen?

 

Das war sehr cool! Hat mir sehr viel Spaß gemacht! Und dennoch bleibt die Erkenntnis, dass da noch viel Platz nach oben ist. Bei der Aufnahmeprozedur, den sprecherischen Leistungen und vor allem bei dem organisatorischen Rattenschwanz, der danach kommt! Wir haben viel gelernt … In Zukunft sind wir besser!

 

Wie war die Zusammenarbeit mit Thomas?

 

Auch cool! Es war ungemein locker und vertraut. Wir verstehen uns sehr gut und wissen schnell, was der andere will. Ich freue mich auf mehr!

 

In der Presseankündigung war zu lesen, daß bereits weitere Veröffentlichungen, teils auch von anderen Künstlern, auf Lindenblatt-Records geplant sind. Natürlich sind wir neugierig! Kannst Du uns da schon mehr verraten?

 

Es bestehen diverse Ideen und Konzepte für weitere Kurzgeschichten, aber auch für völlig andere Audiobook-Konzepte und musikalische Veröffentlichungen. Man muss jedoch erstmal die Kirche im Dorf lassen: „Die Spinne“ ist auch ein Testballon. Falls es uns gar nicht gelingen sollte, zumindest die Kosten zu deckeln, haben weiter reichende Pläne natürlich auch wenig Zukunft. Wir müssen also erstmal abwarten.

Der 2. Teil der „Gebrüder Thot – Reihe“ soll aber auf jeden Fall erscheinen. Eine der Geschichten entstand im selben Aufnahmezyklus, wie „Die Spinne“ und heißt „Das Déjà Vu“. Der Rest wird im Sommer fertig gestellt. Die Erzählung „Das Déjà Vu“ hat es beim Hörspielwettbewerb des „Leipziger Hörspielsommers“ in die Final-Runde geschafft und wird im kommenden Juli, auf deren Open-Air, dem Publikum und der Jury vorgestellt. Mal sehen, was sich da so tut … Die Veröffentlichung ist für Ende des Jahres angesetzt.

 

 

Gebrüder Thot - Thomas und Stefan Lindner

 

Zu diesem Interview:

Autor:
redbeard

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Artikel eingestellt:
23.06.2011