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OMDULÖ

Die Menschenmaler im Interview

OMDULÖ - Menschenmaler

 

Mit „Menschenmaler“ veröffentlichten die Paganfolker von OMDULÖ nach ihrer vielbeachteten Debut-EP „Waldgeboren“ nun das erste wirkliche Album. Metal-District hat die Thüringer für Euch zu ihrem neuen Werk befragt:

 

Eurem jüngst veröffentlichten neuen Album „Menschenmaler“ liegt ja, sowohl was das Artwork als auch die Songs selbst betrifft, ein durchgängiges Konzept zugrunde, nämlich mit Musik und Geräuschen Menschen zu zeichnen. Wie kam es zu dieser Idee? Oder um es vielleicht anders zu formulieren: Was war zuerst da? Die Stücke oder das Konzept?

Lydia: Zugegebenermaßen existierten schon vor dem Konzept des Menschenmalers einige Stücke, aber nachdem wir uns einmal in den Gedanken Menschen zu malen, verliebt hatten, wurde die Arbeit noch sehr viel produktiver. Das Wort selbst entstammt der Vorrede zu Friedrich Schillers „Die Räuber“. In dem Drama erschafft er auch Charaktere, die man in einem Moment versteht und im Nächsten verteufelt, aber von denen man gleich bleibend fasziniert ist. Ausgehend von einer solchen Idee beginnt man, sein Umfeld anders zu beobachten. Wenn man weiß, wonach man sucht, findet man Inspiration. Es gibt wohl kein anderes Wesen, das noch vertrackter ist als der Mensch selbst. So gesehen hätte das Album mehre Millionen Titel haben müssen….

Flo: Es war für uns eine besondere Herausforderung, unsere neuen Lieder unter einem Konzept zusammenzufassen. Man mag meinen, dass ein Konzept einerseits einengend wirken kann. Aber andererseits werden Lieder, Klänge und Texte unter diesem Konzept anders wahrgenommen. Und das war für uns ein Experiment, das wir einfach mal wagen wollten.

 

Daran anknüpfend: Wie kam es zur Auswahl der Zwischentexte? Hat da jeder von Euch seine Lieblingsliteratur bzw. –lyrik durchforstet und sich dann einen bestimmten Text gewünscht, oder habt Ihr da von Anfang an zusammen überlegt was zu den Liedern passt und was aufs Album soll?

Lydia: Es war unheimlich schwer aus dem Meer der klugen Sätze aus den letzten 2000 Jahren etwas zu erwählen, zumal wir ja selber auch kluge Sätze vorbereitet hatten, um nicht ganz so alt auszusehen. Wahrscheinlich haben die Texte sich eher uns ausgesucht. Über den Begriff des „Menschenmalers“ bin ich das erste Mal in Selb beim Lesen gestolpert, das Geleitwort vor dem „Kind im Walde“ stammt aus Flo’s Feder, ebenso wie „Die Malerin“ und „Seemannsgarn“. Anne plädierte zu Recht für Christian Morgensterns „Mondschaf“, den Auszug aus E.T:A Hoffmanns „Das Majorat“ und Theodor Storms „Das Kind im Walde“. Ich versuchte mich an „Atlantis I“ und der alten Dame namens „Ottilie“. Ausgestaltet wurde das dann aber gemeinsam und vor allem durch unsere Gute Seele Carsten.

Anne: Zum Teil stand da zum Beispiel ein Lieblingsgedicht, eines, dass im Kopf herumgeistert bis es zu einer Liedidee herangewachsen ist – oder aber, wie zum Beispiel bei Oberon und Titania, beginnt dann so ein Lied ganz anders, mit einer Theateraufführung, einem Text also… und so entsteht eben jedes Stück für sich. Obwohl wir uns durchaus auch hingesetzt haben um gemeinsam nach Ideen zu suchen. Meist kam die Idee jedoch von tiefer, denn es gibt ja so viele schöne Wortwelten zu entdecken...

 

Obwohl es Euch ja darum geht Menschen zu malen, wimmelt es auf auf dem Album ja nur so von mythischen Figuren: Erdgeister, Elfenkönig und –königin, Atlantisbewohner, Mondschafe... wie kommt das?

Lydia: Naja, wo Menschen Menschen entstehen lassen, ist die Fiktion nicht weit. Das Schöne ist doch, dass der Mensch in der Lage ist über jede Grenze hinaus phantastische Wesen zu erschaffen. Ironischer Weise haben diese aber allesamt recht menschliche Makel. Lulu zum Beispiel. Sie ist laut Wedekind „die Urgestalt des Weibes“. Sie ist launenhaft, verführerisch, wunderschön und bisweilen auch ziemlich tödlich- ganz wie die Mutter Natur. So gesehen, sind sie allesamt Allegorien, erfundene Abbilder unserer realen Welt.

Flo: Wenn man besonders aufmerksam ist, findet man diese mythischen Figuren auch im Alltag. Sie laufen einem an einem ganz normalen Tag einfach so über den Weg. Ob es nun Mondschafe sind, die auf den ersten Blick nicht zu verstehen sind, aber auf den zweiten Blick klar wird, dass man deren innewohnende Urkomik einfach nur genießen sollte. Oder Atlantisbewohner, die sich gern von Anderen abgrenzen und deswegen geheimnisvoll und unantastbar auf die Menschen wirken. Und manchmal begegnet man auch Elfenkönigen, die mit ihrer Anmut und Ausstrahlung den Menschen einfach wortlos staunend zurücklassen. Auch deswegen haben wir diese mythischen Figuren gewählt.

 

Könnt Ihr mir nochmal ein wenig genauer erklären wie genau das „Mondschaf“ zum Rest passt? Das fügt sich für mich jetzt nicht so wirklich harmonisch ins Ganze. Oder ist das eher als Gag gemeint?

Lydia: Wunderbar! Unser größter Wunsch war, ein allgemeines „Hä?“ zu erzeugen, was uns hiermit gelungen ist. Lang lebe das Absurde!

Susi: Ich sage dazu nur: " Manchmal sinnfrei, doch nur durch freie Sinne erkannt." Humor und Ironie - sehr wichtige menschliche Eigenschaften! Ich glaub auf der Bühne bringt mich kein Stück so zum lachen wie das "Mondschaf".

Anne: Wobei das ganze ursprünglich als Einleitung zu „Neachtains“ gedacht war… nun ja, Irland und Schafe also. Nun wandert aber ein Stück auf einem Album, bekannterweise, auch mal herum - gelandet ist das Mondschaf also an ganz anderer Stelle, weils uns doch so ans Herz gewachsen war. War übrigens eine willkommene Übung den Kopf freizubekommen, während der endlosen Aufnahmen.

 

Beim Irish-Folk-Set „Neachtains“ habt Ihr ja eine Live-Pub-Atmosphäre dazugemischt – wie siehts mal aus mit einem wirklichen Livemitschnitt? Oder etwa einer Liveübertragung im Internet, wie es etwa die Kolleginnen von ADAS vor einiger Zeit bei Radio AENA gemacht haben?

Susi: Einen Livemittschnitt von Neachtains und ein paar anderen Stücken ist definitiv ein Muss. Eine Liveübertragung im Radio klingt auch sehr interessant. Mal schauen was der nächste Auftritt so mit sich bringt....

Flo: So eine Live-Übertragung im Internet klingt wahrlich interessant.. Eine Sache, die auch bei uns auf der „das-wär-schon-mal-ne-sache-die-wir-machen-sollten-Liste“ recht weit oben steht.. Wir werden sehen, wann sich das realisieren lässt.

Lydia: Das ist ganz sicher eines der nächsten, großen Ziele. Vor allem aber auch guter Live Mitschnitt. Leider, können wir (obwohl wir unsere Musik ja öfter hören als alle Anderen) uns niemals live miterleben. Das ist ärgerlich, weil ein Perspektivenwechsel für die Musik auch sehr heilsam wäre. Mit einer schicken Aufnahme wäre da schon vieles leichter…

 

Ihr habt ja, genau wie beim ersten Album in Zusammenarbeit mit Carsten Canay einen Elektro-Goth-Remix als letzten Track auf dem Album, diesmal allerdings etwas versteckt. Warum diesmal in Form eines „Hidden Track“?

Jan: Das hab ich auch nicht verstanden!

Susi: Weil Hiddentracks total "In" sind. Jeder sollte einen haben! Eine Professorin von mir verwendet unsere CD zum Instrumentenkundeunterricht. Ich bin mal sehr gespannt, ob sie die das gute Stück bis zum Ende durchlaufen lässt...Ich denke der Überraschungseffekt wäre sehr groß.

Lydia: Als wir noch jung waren, träumten wir alle davon einmal ein Album zu machen, das einen Hidden Track besitzt. Alle coolen Bands der Geschichte haben so was. Schwer zu erklären, das ist schon fast religiös…

Anne: Guter Schreckmoment!

 

Könntet Ihr Euch vorstellen, auch mal mehr in diese Richtung zu gehen? Also etwa ein ganzes Album in dieser Richtung zu machen oder diese Art Musik mal live auf die Bühne zu bringen? Oder wollt Ihr es bei einem Stück pro Album belassen?

Susi: Ich würde mich sehr freuen noch weitere von Carsten interpretierte Stücke zu hören. Ich wäre aber auch für jede andere Stilrichtung offen...Omdulö mit E-Gitarre und Drum-Set, Omdulö-Rap-Remix, eine klassische Streichquartettversion von Kind im Walde, eine Ska Interpretation von Atlantis II.... bitte alles unbedingt!

Anne: Oh, hierbei gibt es unendlich viele Dinge auszuprobieren… Natürlich reizt die Technik, mit der Zeit wird sich schon zeigen, wo die Musik hinwill.

Jan: Auf irgendeine Art und Weise wird in ferner Zukunft ein Projekt dahingehend vertiefend in Angriff genommen.

 

Ihr habt ein brandneues Album am Start, in diesem Sommer stehen zwei bemerkenswerte Livetermine an - zum ersten Mal auf der großen Bühne beim Festival Mediaval und, vielleicht noch größer, der Auftritt beim Castlefest in Holland. – Was habt Ihr für die Zukunft noch in Planung?

Flo: Das Motiv der Reise ist eine der Haupteigenschaften, die uns ausmacht. Man merkt es, wenn man das Booklet betrachtet, welches uns mit fünf künstlerischen Motiven aus verschiedensten Kunstepochen verbindet. Auch das Album „Menschenmaler“ kann und sollte man als Reise betrachten. Es führt von waldigen Umgebungen durch afrikanisch anmutende Gefilde bis aufs Wasser und sogar auf den Meeresgrund. Und diese Reise geht mit jedem Tag weiter. Wir wissen nicht, was kommen wird und planen auch nicht weit voraus. Wir lassen uns gerne überraschen.

Jan: Viele musikalische Ideen, die mitten in der Umsetzung stecken.

Menschen berühren (auch mit Musik)…

Eine musikalische Reise, die immer weiter geht…, immer neu definieren, neue Instrumente, neue Einflüsse…..inspiriert von den Menschen denen wir begegnen, die Musik die wir erfahren dürfen, von den Orten die wir bereisen und schließlich von uns selbst, gegenseitig, doch ebenso jeder für sich selbst.

Lydia: Ich würde mir wünschen auch weiterhin so viel Glück zu haben, denn solang uns das Glück hold ist, müssen wir nichts planen - dann kommt die Planung zu uns!!

 

OMDULÖ

 

Zu diesem Interview:

Autor:
redbeard

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Artikel eingestellt:
31.01.2011