Interview mit Mathias Röderer

Die norwegisch-schwäbische Formation LEAVES EYES veröffentlichte vor kurzem mit “Njord” ihren mittlerweile dritten Longplayer (ein Review dazu findet Ihr hier). Als Headliner der „Beauty and the Beast“ - Tour, die am am 25.11. auch im Berliner K17 halt machte, stellte die Band das neue Material nun erstmals live auf der Bühne vor. Natürlich wollte ich mir die Chance nicht entgehen lassen, bei dieser Gelegenheit der Band ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Eigentlich hatte die Plattenfirma ja ein Interview mit Liv Kristine in Aussicht gestellt, aber wie es eben so spielt, hatte sich diese eine Erkältung zugezogen und an dem Tag strenge Auflage ihre Stimme zu schonen. Nachdem es dann zunächst hieß, daß Alex oder Tosso das Interview machen würden, war es dann im Endeffekt Mathias, mit dem ich vor dem Konzert Gelegenheit hatte, ein wenig über das neue Album und die Tour zu plaudern.
Hallo. Ihr seid ja nun mit der Tour schon ein Weilchen unterwegs. Wie ist es bislang gelaufen, wie ist die Stimmung?
Also das Tourklima ist echt sehr angenehm, mit allen beteiligten Bands. Und ich finde auch das eigentlich alle Bands sehr gut ankommen auf der Tour. Natürlich ist es immer ein Problem mit dem Platz, vor allem auf der Bühne. Mit so vielen Bands, gibt’s viel Equipment und viele Umbauten, das ist für die Roadies und die beteiligten Techniker nicht immer ganz einfach. Von der Logistik her ist es halt schon stressig.
Das K17 ist ja nun auch nicht unbedingt eine der größten Hallen in Berlin. Hattet Ihr bei den anderen Konzerten bislang vergleichbar große Hallen?
Ja, schon. Es ist ja ziemlich viel unterwegs im Moment und da muss man an manchen Orten dann halt auch an Montagen, Dienstagen oder Mittwochen spielen, und das sind ja nicht unbedingt die besten Tage zum touren, was die Besucherzahlen angeht, aber man muss ja kucken, daß man möglichst jeden Tag spielt. Das ist auch ein bißchen heftig muss ich sagen, das haben wir vielleicht auch alle ein bißchen unterschätzt. 16 Shows am Stück, und wir spielen ja mit zwei Bands, also immer eine Doppelshow. Wir haben also jetzt eigentlich schon 24 Shows hinter uns, und das ohne Pause, das geht schon ans Eingemachte.
Du hast ja das Verhältnis zwischen den Bands schon angesprochen, und gemeint das alles wunderbar wäre. Man hätte ja bei so vielen „Frontfrauen“ auch denken können, daß es vielleicht problematisch sein könnte. Stichwort Zickenkrieg.
Konkurrenzgedanken? Nein, eigentlich gar nicht. Es wird sich eher unterstützt gegenseitig, wenn mal jemand was hat, daß dann die anderen helfen. Da hat ja jeder so seine Wehwehchen auf Tour mittlerweile. Nicht nur bei uns, auch bei STREAM OF PASSION, die mussten auch schon ich glaube bei zwei Shows ein oder zwei Lieder kürzen, weil die Stimme nicht mehr konnte. So ähnlich war’s ja bei uns auch am Anfang, da hat die Liv sich kurz vor der Tour gegen die Schweinegrippe impfen lassen, und da ist dann irgendwas passiert, daß ihre Stimme drunter gelitten hat, das war die ersten drei oder vier Shows echt schwierig. Gottseidank ist sie dann in Luxemburg ins Krankenhaus und hat dort eine Spritze bekommen und nimmt jetzt Cortison, es ist schon viel, viel, viel besser. Jetzt hat sie allerdings wieder eine Erkältung bekommen. Also es wird wahrscheinlich die Tour der Krankheiten... (lacht)
Wenn man dann natürlich auch noch den Stress hat jeden Tag spielen zu müssen...
Ja, das ist halt das Schlimme, daß die Stimme sich nicht erholen kann, das heißt jeden Tag wieder volle Power.
Wer hat eigentlich das Package zusammengestellt? Abgesehen von ATROCITY ist es ja sehr thematisch gehalten, also immer mit weiblicher Sängerin.
Ja, natürlich ist es eben die Idee „Beauty and the Beast“, daß man unter dem Motto kuckt und die Bands entsprechend auswählt, also je nachdem ob es jetzt Mann und Frau am Gesang ist oder nur Frauengesang und der Rest eben Männer. Aber das war erst mal das Motto und dann hat man danach eben versucht zusammenzustellen. Zum anderen kuckt natürlich die Plattenfirma, daß möglichst viele Bands von der gleichen Firma auf Tour sind und man so den bestmöglichen Promotion-Effekt hat. Von daher sind glaub ich von den fünf Bands vier Napalm-Bands, und SIRENIA hat einfach gut dazugepasst.
Mit ELIS wart Ihr ja schon mal zusammen auf Tour, 2004 war das glaub ich, und damals war ja ATROCITY noch Headliner. Wie ist es denn eigentlich wenn einen das eigene Baby sozusagen überholt, denn jetzt ist ja LEAVES EYES das Zugpferd bei der Tour.
Ich würde das jetzt gar nicht so sehen wie Du das gesagt hast. Wir haben ja auch in den letzten zwei Jahren den absoluten Fokus auf LEAVES EYES gelegt. Letztes Jahr war im Gespräch zur „Werk 80 II“ eine kleine Tour zu starten, dann hat das aber aus diversen Gründen nicht geklappt, und jetzt sind wir halt schon eineinhalb Jahre hinter der Veröffentlichung und LEAVES EYES ist aktuell, neue Platte, und da ist es natürlich klar, daß man dann da den Fokus drauf legt. Es gab tatsächlich auch einige Veranstalter, die wollten daß ATROCITY Headliner ist auf der Tour, oder gedacht haben, daß ATROCITY Headliner sein wird und sich jetzt wundern. Aber ich muss auch sagen, daß es vom spielen her wesentlich angenehmer ist so, weil ATROCITY schon ein bißchen ich sage mal energiegeladener ist, und jetzt spielen wir mit LEAVES EYES ja den längeren Set und gerade wenn man so viele Shows spielt ist es schon besser so herum.
Was wird uns heute Abend programmtechnisch erwarten? Hauptsächlich Stücke vom neuen Album?
Ja, der Fokus ist absolut aufs neue Album ausgelegt. Wieviel spielen wir denn, zehn Songs glaub ich, und davon sind sechs neue, also über die Hälfte.
Vielleicht zum Touren noch eine Frage, die Du wahrscheinlich auch schon öfter gehört hast. Ihr wart ja mit LEAVES EYES jetzt schon überall auf der Welt unterwegs...
Afrika fehlt noch und Asien
Asien hat ja definitiv eine Metalszene, aber in Afrika weiß ich nicht ob es da sowas gibt. Aber habt Ihr Lieblingsländer, in denen Ihr besonders gern spielt?
Naja, in Südafrika gibt’s das zum Beispiel schon. Und Lieblingsländer? Was Fanverrücktheit betrifft ist glaub ich Südamerika schon weit vorne, also auch was Luxus und Komfort angeht auf Tour. Das ist schon eine andere Welt würde ich mal sagen. Also sowohl was das Fanverhalten angeht als auch wie Bands dort behandelt werden. Man hat dann auch doch schon die besten Hotels und die besten Restaurants und so, und man genießt das schon muss ich sagen. Und ansonsten, also es gibt überall geile Fans, es kann überall gute Shwos geben und schlechte Shows, das ist eher tagesformabhängig als länderabhängig, zumindest würde ich das so sehen. Wir haben auch schon in manchen Venues zwei oder dreimal gespielt irgendwo auf der Welt, wo es dann einmal gut war, das andere mal nicht so gut. Das kann man wirklich nicht so generell sagen, Spass machen tut’s eigentlich überall. Australien war super, weil es halt mal komplett was anderes war und man mehr oder weniger immer geflogen ist zwischen den Gigs, da gab’s keinen Bus oder sowas. Das hieß dann immer morgend um sechs wieder raus, zum Flughafen, wieder einchecken, das war eigentlich eher stressig. USA war auch super, da is natürlich vor allem die Landschaft und so beeindruckend, wenn man wirklich einmal quer über den Kontinent reist, das ist schon der Hammer. Und auch die Leute sind super und die Fans echt genial. Nur was Catering angeht hat man nicht immer so die beste Auswahl sag ich mal, also USA und England, das sind in der Beziehung immer schwierige Länder zum touren.
Gut, dann lassen wir es soweit mal mit der Tour und kommen zum neuen Album, da hab ich natürlich auch ein paar Fragen. „Njord“ ist ja durchaus ein bißchen anders geworden als „Vinland Saga“. Da gibt es zwei Dinge die einem ziemlich schnell auffallen beim Hören: Das eine ist, daß es nochmal um einiges bombastischer ist, was an der Zusammenarbeit mit dem Orchester liegen dürfte. Wenn ich richtig informiert bin war es dasselbe Orchester, mit dem RAGE schon mal was zusammen gemacht haben, also das „Lingua Mortis“-Orchester aus Weißrussland. Wie kam es zu der Zusammenarbeit, war das etwas, was Ihr euch schon länger mal überlegt hattet?
Also daß wir mit Orchester arbeiten wollen stand eigentlich von Anfang an fest. Wir haben ja mit der letzten ATROCITY Werk 80 II - Platte schon mit Orchester aufgenommen, und haben auch schnell gelernt was man nicht machen soll und was man machen soll, und dann haben wir eigentlich dementsprechend auch schon für die neue LEAVES EYES Platte komponiert, daß wir genau wußten wie wir es haben wollen, gerade durch die Erfahrungen die wir da gemacht haben.
Kannst Du das noch ein bißchen genauer erklären? Also was man machen sollte und was besser nicht?
Also zum Beispiel, wenn man mit dem ganzen Orchester aufnimmt ist es glaube ich sehr, sehr schwierig einen perfekten Take zu kriegen, auch mit der Aufnahmetechnik. Wir wollte ursprünglich so aufnehmen, daß das Orchester zum Dirigenten spielt, und der Dirigent hat den Klick, weil man den ja braucht für die Geschwindigkeit, und das hat überhaupt nicht funktioniert, die waren immer zu spät. Hieß: Wir mussten die komplette Aufnahmesession verschieben und jedem einen Kopfhörer besorgen mit Klick, daß jeder den Klick im Ohr hat. Das war schon mal eine Sache mit der wir überhaupt nicht gerechnet hatten, daß wir das so machen müssen. Aber wir haben mittlerweile auch gelernt, daß auch jedes Symphonieorchster oder Radioorchester so aufnimmt, die haben alle einen Klick, oder irgendwelche anderen Hilfstechniken. Solche Sachen halt. Und diesmal war es auch der Vorteil, daß wir mit der ganzen Aufnahmeprozedur eigentlich gar nicht selbst involviert waren, sondern wir haben einfach die fertigen Partituren und die Midi-Files an Victor Smolski geschickt.
Der Kontakt kam eigentlich dadurch zustande, daß wir vor ziemlich zwei Jahren genau ein Festival in Griechenland gespielt haben mit RAGE zusammen, und auch im gleichen Hotel waren, den Abend zusammen verbracht haben, vor der Show und nach der Show, und da eben ins Gespräch gekommen sind, und Victor eben gesagt hat, wenn Ihr mal was mit Orchester zusammen machen wollt, ich hab da ein Orchester. Wenn Ihr wollt kann ich das für Euch übernehmen. Und das ging dann auch super schnell, also ich glaube innerhalb von einem Monat war die komplette Aufnahme vom Orchester fertig. Also wir haben denen die Files geschickt und einen Monat später kamen die fertigen Aufnahmen zurück. Und was halt zum Mischen auch super war, daß eben die verschiedenen „Orchesterfraktionen“ sag ich mal, also Streicher, Bläser, Pauken und sowas, einzelne Spuren hatten, also man konnte wirklich richtig mischen und hatte nicht nur ein komplettes Orchsterfile, daß man dann so lassen muss wie es ist und dabei dann die ein oder andere Feinheit ein bißchen verloren geht, also etwa eine Flöte oder sowas sich schlecht durchsetzt gegen die Streicher oder gegen die Bläser, da kann man dann halt nochmal beim Mix ein bißchen was ändern. Das war schon ein großer Unterscheid zum ersten Mal, auf jeden Fall.
Das zweite, was vielleicht nicht unbedingt beim Hören auffällt, aber wenn man sich dann mal die Texte genauer anschaut ist, daß es sich im Unterscheid zu „Vinland-Saga“, daß die Leif Eriksson - Reise zum Thema hatte, diesmal nicht um ein Konzeptalbum handelt, sondern um einzeln stehende Songs.
Naja, es hat eigentlich schon eine durchgehende Thematik. Also die Idee war ja eigentlich, wenn man jetzt mal „Vinland Saga“ betrachtet, Wikinger entdecken oder besser reisen nach Amerika, als erste Europäer, 500 Jahre vor Kolumbus. Und dann hat man sich halt zusammengesetzt und überlegt, was könnten wir dann für die nächste Platte machen. Und es war auch einer von meinen Vorschlägen, daß man sagt man muss vielleicht noch einen Schritt weiter gehen und nochmal drüber hinaus, sprich: Wo sind die Wikinger überall sonst gewesen. Was haben sie gemacht, historisch gesehen, und dann auch noch einen Schritt weiter, in die Götter- und Geisterwelt. Und dementsprechend haben wir dann auch die Texte ausgelegt. Also es sind viele Texte, die einen örtlichen Bezug haben, wie zum Beispiel „Scarborough Fair“, das ist ja wirklich erwiesenermaßen ein Ort wo die Wikinger Handel getrieben haben, oder „Les Champs de Lavande“ ist eine Anspielung auf die Normandie. So hat also alles einen Bezug, und dann gibt es eben auch noch den Einstieg in die Götter- und Geisterwelt, mit „Frøya’s Theme“ und „Ragnarok“, also das Ende der Welt. Also man hat schon eine durchgehende Thematik bei der Platte, bloß halt nicht eine zusammenhängende Geschichte, also irgendwas chronologisches oder so.
Was bedeutet eigentlich für Euch diese nordische Mythologie? Kommt das jetzt hauptsächlich von Liv, weil sie eben als Norwegerin diesen kulturellen Hintergrund hat?
Natürlich ist es so, daß Liv den größten Bezug dazu hat, weil sie Skandinavierin, also kann man schon sagen damit Nachfahre oder Abkomme von den Wikingern ist, auch wenn sich natürlich da auch einiges verändert hat in der Zusammensetzung bei den Norwegern im Gegensatz zu den Wikingern. Aber natürlich haben die Germanen einen ähnlichen Bezug zur Geschichte oder zur Vorgeschichte, was jetzt die ganzen Helden- oder Göttersagen angeht, es sind zwar andere Namen, wie etwa bei den Römern und Griechen auch, aber die Geschichten sind fast die gleichen. Bei uns ist es eben nicht Odin, bei uns ist es Wotan, aber der religiöse Hintergrund ist eigentlich fast identisch.
Das ist jetzt bei Euch aber eher kulturelles Interesse als wirklicher religiöser Glaube oder?
Also ich glaube weder an Odin noch an Wotan noch an Gott, ich bin da eigentlich, naja, Atheist kann man jetzt nicht sagen, eher Agnostiker vielleicht. Das triffts vielleicht am ehesten.
Das Genre ist ja in den letzten Jahren ziemlich explodiert, also Viking Metal, oder Pagan Metal allgemein. Wie seht Ihr diese Entwicklung? Könnt Ihr Euch erklären woher dieser regelrechte Boom kommt?
Also ich meine, die dieser Boom ist ja jetzt nicht so ganz neu. Es gab schon vor 15 Jahren Bands wie UNLEASHED, die Lieder über Wikinger geschrieben haben. Oder ENSLAVED, die haben schon immer solche Thematiken gehabt, oder BATHORY, schon in den 80ern haben die über Walhalla und was weiß ich gesungen, oder auch MANOWAR zum Beispiel.
Also es ist jetzt auch nicht was ganz Neues, aber natürlich, der Trend ist schon ganz klar. Gerade auch durch die ganze Black-Metal-Bewegung vielleicht, die ist ja auch sehr Skandinavien-fixiert und hat da auch einen ganz eigenen Sound kreiert. Aber ich weiß0 nicht ob man LEAVES EYES unbedingt zu dieser ganzen Viking- und Pagan-Szene dazuzählen kann. Ich glaube musikalisch unterscheiden wir uns schon sehr davon, also einen Black Metal - Bezug sehe ich jetzt bei uns gar nicht musikalisch, da gehen wir eher in Richtung traditionell als in die Richtung.
Musikalisch hast Du sicher recht. Ich will die nächste Frage aber trotzdem stellen: Vornehmlich natürlich in diesem ganzen Pagan-Bereich gibt es ja immer Probleme mit rechtsradikalen Tendenzen. Habt Ihr da schon jemals bei Konzerten oder bei den Fans irgendwelche Probleme gehabt?
Nö. also ich wüßte nicht, daß wir da jemals schon mal irgendwie Streß hatten deswegen. Und ich wüßte auch gar nicht warum, ehrlich gesagt. Also was zum Beispiel wirklich cool war, das hat jetzt nichts mit dem zu tun, aber vielleicht auch mit dem was Tradition angeht: Als wir in Norwegen auf einem Festival gespielt haben, haben wir „Norwegian Lovesong“ gespielt, und danach fängt auf einmal die ganze Halle an die Nationalhymne zu singen, die norwegische, mit Liv zusammen, also das war schon ein Hammer! Also das hat jetzt überhaupt nichts nationalistisches oder so, aber das hat einfach super gepasst in dem Moment. Also wir haben da wirklich noch nie Probleme gehabt.
Das freut mich, es wäre ja schlimm wenn es anders wäre. Andere Frage: Könntet Ihr auch vorstellen mit LEAVES EYES mal was anderes zu machen, was völlig abseits dieser nordischen Thematik liegt?
Ja sicher, das haben wir ja schon auf der ersten Platte gemacht. „Lovelorn“ ist ja eigentlich keine nordische Geschichte, da geht’s ja um eine Meerjungfrau, mehr oder weniger. Das ist ja eher eine Liebesgeschichte, die könnte man ja genau so gut in Spanien spielen lassen.
Aber ich glaube schon, daß das nordische Element so ein bißchen ein roter Faden ist bei der Band, auch grad der Bezug von Liv zu ihrer Heimat, das ist etwas was sich in den Texten auf jeden Fall schon immer widerspiegeln wird. Ob jetzt die Musik, ich weiß nicht, wir haben ja auf der neuen Platte würde ich sagen jetzt nicht unbedingt Songs die immer nordisch klingen oder folkloristisch. Aber es ist schwer zu sagen, was man in der Zukunft machen wird, man versuch ja immer irgendwie kreativ zu sein. Aber den Bezug werden wir glaub ich nie verlieren, also es wird nie so sein, daß jetzt bei LEAVES EYES ein ganz extremer, drastischer Wechsel kommen wird, das wird nie passieren, das glaub ich nicht.
Wie entstehen eigentlich die Songs von LEAVES EYES. Bringt da jeder von Euch Ideen ein, oder gibt es da einen Hauotsongschreiber oder eine konkrete Arbeitsteilung?
Auf der „Njord“-Platte ist eigentlich das meiste von Tosso komponiert. Da wir ein eigenes Studio haben läuft das bei uns bestimmt komplett anders ab als bei vielen anderen Bands, die sich im Proberaum treffen und dann zusammen Songs ausarbeiten. Bei uns ist es da eher so, daß einer anfängt mit dem Songschreiben, also sei es gleich schon Gitarrenriffs einspielt, und den Bass dazu selber macht und sich dazu noch was für’s Schlagzeug überlegt und irgendwas programmiert oder so, und dann halt Ideen hat zum Text und zur Melodielinie vom Gesang. Aber es könnte dann jeder theoretisch danach hingehen und sich das File schnappen und dann sich was dazu überlegen, was dazu machen oder was weitermachen. So ein festes Muster gibt es da aber nicht, es gibt auch Songs wo vielleicht Liv irgendeine Melodie im Kopf hat und dann wir Akkorde dazu machen, also genau den Weg andersrum, oder daß sie irgendeine Textidee hat. Also es gibt da nicht so DEN goldenen Weg, den wir immer nehmen, sondern es gibt verschiedene Ansätze Songs zu schreiben. Es gibt auch so Ideen wo dann irgendwelche Drumparts zuerst kommen und dann macht man da Musik drauf, man is da wirklich von Song zu Song unterschiedlich. Aber meistens fängt es mit Gitarrenriffs an, oder mit einer Keyboardidee und man versucht dann daraus was zu machen.
Weil Du gerade Keyboard erwähnst, das habe ich vorhin beim Orchester völlig vergessen zu fragen: Ich nehm mal an auf der Bühne setzt Ihr das dann mit Keyboard oder Playback um?
Ja, wir lassen ein Keyboard dazu laufen.
Habt Ihr vielleicht Pläne das Ganze auch mal wirklich mit einem Orchester live auf die Bühne zu bringen?
Ich glaub das hat jeder, der so etwas aufnimmt, also den Traum daß man das auch mal live umsetzen kann, mit Chor und Orchester am besten natürlich. Aber das ist natürlich schwierig, und auch finanziell nicht einfach zu tragen. Da müßte der Rahmen passen, und der Anlass, und auch das finanzielle müßte eben passen, dann könnte man sich das schon mal überlegen. Es ist halt ein Riesenaufwand! Gerade wenn man es vielleicht nur für eine Show macht, die ganze Arbeit für eine Show! Man müßte dann eigentlich eine Tour draus machen, und wer soll das bezahlen, wenn man über 30 oder 40 Orchestermusiker dabei hat, die wollen ja bezahlt werden? Und wahrscheinlich auch nicht gerade wenig, wenn es ein gutes Orchester ist. Ein deutsches könnte man sich wahrscheinlich gar nicht leisten, man müsste dann wahrscheinlich eines aus Weißrussland holen. (lacht) Und auch drauf hoffen, daß viel Idealismus dabei ist... Also ich würds mich schon trauen mal sowas zu machen, aber das ist natürlich schwer in die Tat umzusetzen.
Vielleicht stattdessen auch nur mal mit einzelnen Streichern oder so?
Ja gut, das hatten wir ja für unsere DVD gemacht, da hatten wir ja einen Gastcellisten dabei, der dann bei „Morning Tree“ das Solo gespielt hat. Sowas könnte man immer wieder mal machen, klar. Es kann schon sein, daß sowas mal passiert.
Vielleicht noch eine Frage zu den Aufnahmen. Das war ja glaub ich das erste Album, das Ihr mit den beiden neuen Bandmitgliedern, also Alla und Seven, aufgenommen habt. WIe war die Arbeit im Studio mit den beiden?
Also eines muss man da gleich vorweg sagen: Die Alla hat im Studio gar nichts eingespielt, den Bass hat komplett Tosso eingespielt. Bei Alla ist es eher so, daß sie für die Live -Schiene zuständig ist, obwohl sie auf der Tour ja leider nicht dabei sein kann, durch den Bandscheibenvorfall.
Gut, damit ist diese Frage auch beantwortet. Im letzten Info stand ja nur, daß sie nicht dabei sein wird und stattdessen Oliver, aber nicht warum.
Ja, der Nerv war irgendwie eingeklemmt und seitdem sind ihre Finger taub. Also sie kann ihre Finger ganz normal bewegen, nur spürt sie nichts. Und so ist es natürlich schwierig Bass zu spielen. Sie hat jetzt sechs Wochen Physiotherapie und dann hoffen wir mal, daß es wieder aufwärts geht mit ihr.
Und mit Seven war es tatsächlich die erste Zusammenarbeit so im Studio, und es war durchweg positiv kann man nur sagen. Also bevor Seven in die Band kam stand schonmal das Grundgerüst vom Schlagzeug, was man halt programmiert hat so. Aber das wurde dann komplett nochmal neu aufgenommen mit ihm, und die ganzen Fills die drin sind, die ganzen Breaks und so, sind eigentlich schon von Seven, da sieht man schon seine Handschrift. Wir sind super zufrieden und er selber glaub ich auch.
Ok, die nächste Frage muss ich ein wenig umformulieren, aber vielleicht ist es auch ganz interessant mal die Sichtweise einer nicht in der Familie befindlichen Person dazu zu hören, so als Außensicht. Wie ist das so mit einem Ehepaar in der Band? Ich meine, auch in der besten Ehe gibt’s mal Streit, wie geht man damit dann um? Ihr hattet ja mit Alex bei ATROCITY schon lange Zeit ohne Liv zusammengespielt, inwiefern hat sich da was verändert?
(lacht) Also ich kenn den Alex noch aus seiner wilden Phase, wo er noch ohne seine Freundin beziehungsweise Frau auf Tour war, das war schon anders, auf jeden Fall. Ich kenn auch die Liv noch aus einer anderen Zeit, wo sie noch nicht mit Alex zusammen war. Wir haben unsere erste Tour gemeinsam gemacht, da hat sie noch bei THEATRE OF TRADGEDY gesungen, das war, puh... 1995 glaub ich. Und da war sie noch zusammen mit dem Sänger von THEATRE OF TRADGEDY, also eine ganz außenstehende Person. Aber wir haben uns damals schon gut verstanden auf Tour alle, und das war dann eigentlich nie ein großes Thema bei uns, noch nie. Die Liv ist für uns einfach ein Kumpel, da ist eigentlich überhaupt keine Unterscheidung zwischen Mann und Frau bei uns, muß ich ehrlich sagen. Also auch mit der Alla als Bassistin, das ist kein Thema, das geht ganz normal weiter, wie vorher auch.
Der einzige Unterscheid ist vielleicht... also im Studio, da gibt’s dann schon Unterschiede. Man muss schon vorsichtig sein, wenn man seine eigene Frau aufnimmt. (lacht)
Kann ich mir vorstellen...
Frauen sind ja sowieso sensibel in der Hinsicht. Wenn man jetzt mit ’nem Mann was aufnimmt, da kann man dann auch ruhig mal sagen, hey, der Take, der war jetzt wirklich Mist. Sowas kann man sich bei einer Frau nicht erlauben. Und wenn es dann auch noch die eigene Ehefrau ist, dann schon zweimal nicht, sonst braucht man abends nicht mehr kommen. Aber ich würde mal sagen, da stehen echt beide drüber und sind beide professionell genug, daß sie zwischen Privatem und Geschäftlichem unterscheiden können. Da gab’s wirklich noch nie groß Reibungspunkte, auch auf Tour. Der einzige wirkliche Unterschied ist eigentlich mit dem Kind.
Du meinst ihren Sohn Leon. Ist der eigentlich dabei auf Tour?
Ja, der ist jetzt die letzte Woche, also die letzten fünf Konzerte, dabei. Und da is dann eher ein Unterschied zu früher, daß man eben ein Kind mit dabei hat auf Tour. Aber wir sind sowieso eine zivilisierte Band sag ich mal, bei uns ist nicht so großartig der Rock ’n’ Roll - Gedanke auf Tour, sondern wir sehen das eigentlich schon als Arbeit. Also es ist in erster Hinsicht mal Arbeit und in zweiter oder dritter kommt das Vergnügen. Der Fokus ist ganz klar darauf ausgelegt, daß man abends eine gute Show spielt und alles andere ist dann erstmal zweitrangig. Das hat sich noch nie geändert und das wird auch immer so bleiben. Deswegen geht man ja auf Tour, damit man den Leuten eine gute Show präsentiert für ihr Geld. Alles andere ist zweitrangig, also auch ob jemand verheiratet ist oder nicht. Ich bin auch verheiratet, meine Frau ist zuhause, ich hab auch ein Kind, aber man muss sich da halt gut arrangieren, das funktioniert schon alles. Noch. (lacht)
Wie lebt Deine Familie damit, daß Du manchmal für Wochen und Monate unterwegs bist?
Man muss sich halt die Zeit gut einteilen und vorbereiten, dann funktioniert das schon. Musiker sind ja nicht die einzigen die arbeiten gehen über ein paar Tage. Es gibt Leute, die müssen auf Montage gehen, die haben dieselben Probleme, oder haben Schichtarbeit und sehen ihre Familie deswegen gar nicht die ganze Woche. Also wie gesagt, da sind wir nicht die einzigen, und bei anderen läuft’s auch. Aber natürlich ist es schwierig, logisch, vor allem wenn man Kinder hat und dann die Schulzeit kommt und man sich dann auch ein bißchen nach Ferienzeiten richten muss, was Urlaub angeht und so, das ist dann schon schwierig. Gut ist natürlich aber, wenn man Musiker ist, da ist man dann halt mal zwei, drei Wochen weg, aber man ist dann eben auch wieder zwei, drei Wochen daheim, und in der Zeit kann man natürlich viel mehr machen als jemand, der seinen normalen Arbeitsrhythmus hat und dann unter der Woche auch nicht viel von seinen Kindern hat. Das ist dann der Vorteil, den haben viele Eltern bestimmt nicht, daß sie dann mal zwei Wochen am Stück mit ihren Kindern zusammen sein können. Und wenn sie dann im Kindergarten und in der Schule sind, haben sie ja dann sowieso einen anderen Bezug zu den Eltern. Das funktioniert schon alles, man sollte das alles nicht zu hoch ansetzen. Anders wird es vielleicht, wenn man dann mehrere Kinder hat, da wird’s dann schon schwieriger.
Könntest Du Dir vorstellen etwas ganz anderes zu machen als das, was Du jetzt machst?
Ja. Ganz eindeutig ja. Ich hab ja was anderes studiert.
Was, wenn man fragen darf?
Ich bin eigentlich Historiker, und dann hab ich noch amerikanische Literatur und Linguistik studiert. Ich könnte mir wirklich sehr gut vorstellen als Historiker zu arbeiten. Das hat immer super Spaß gemacht und ist auch wirklich interessant. Wobei es kommt natürlich immer aufs Thema an, aber vom Grundgedanken hat mich das immer fasziniert und ich könnte mir sehr gut vorstellen in der Richtung zu arbeiten.
Nachdem es durch den Soundcheck langsam auch etwas laut wird hier, vielleicht noch die übliche Frage zum guten Schluß: Was passiert nach der Tour, wie sind Eure weiteren Pläne?
Nach der Tour ist vor der Tour, kann man so sagen. Also wir haben viele Tourpläne, das nächste Jahr ist eigentlich schon ziemlich voll mit Touren, sei es jetzt nochmal Europa, sei es USA, oder natürlich Festivals im Sommer, da ist eigentlich ziemlich viel im Gespräch und auch schon bestätigt und ja, also man wird uns ziemlich oft live sehen nächstes Jahr, das kann man in jedem Fall schon mal versprechen, im Guten oder im Bösen, je nachdem (lacht).
Das kann man doch mal als ein schönes Schlusswort nehmen. Dann danke ich Dir für das Interview und wünsche Euch und uns einen schönen Abend heute.
Ich hoffe doch, daß was geht heute abend und daß ein paar Leute kommen. Und ich hoffe Du warst zufrieden, auch wenn’s jetzt nicht Alex oder Liv war.
Auf jeden Fall. Danke Dir nochmal und viel Spaß heute abend!
Den Bericht zum Konzert findet Ihr hier.
