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OPETH

Kaffeepause mit Mikael

Fast ein Jahr ist er nun alt, der neue Silberling „Watershed“ der Schweden von OPETH, zu dem sie zum vergangenen Jahreswechsel fleißig die deutschen Lande betourt hatten. Nun sind OPETH im Kielwasser von DREAM THEATER auf den großen Bühnen dieser Welt unterwegs und gastieren im Zuge der „Progressive Nation Tour 2009“ auch in Berlin. Ein guter Grund, um mit dem etwas verschlafenen Sänger Mikael Akerfeldt einen gemütlichen Becher Kaffee zu trinken und ein wenig über Musik zu plaudern.

 

Hallo Mikael! Schön dich zu sehen – wie geht es dir? Wie war die Tour bisher?

Mikael: Gut! Ich bin nur ein wenig müde, wir haben zwar in der letzten Nacht ein Hotel, aber aus irgendeinem Grund konnte ich nicht besonders gut schlafen. Ich schlafe meistens besser im Tourbus. Aber die Tour war bislang sehr gut – wir haben jetzt vier Shows in Skandinavien gespielt und die waren sehr gut.

 

Morgen geht es für euch nach Polen und dann kommt ihr wieder nach Deutschland – da stehen ja noch einige Konzerte an.

Ja, das ist wahr. Aber wir haben viel freie Zeit um zu entspannen, das ist wichtig um für wirklich jede Show topfit zu sein – es gibt also keine Entschuldigung wenn wir schlecht spielen (lacht)! Wenn man sechs oder sieben Konzerte am Stück spielt ist man dann schon erschöpft, aber hier spielen wir an zwei Abenden hintereinander für etwa eine Stunde und dann haben wir einen Tag frei. Das ist sehr entspannt.

 

Dann wird der Gig heute Abend sicherlich ein großer Kracher!

Das kann ich vorher natürlich nicht sagen! Aber wenn wir schlecht spielen liegt die Schuld natürlich allein bei uns!

 

Ein paar kurze Fragen zu eurem aktuellen Album „Watershed“: du hast den Albumtitel ausgewählt – warum, was bedeutet er für dich?

Ich liebe das Wort an sich. Es ist ein Ausdruck den man aus den verschiedensten Sparten kennt, wie zum Beispiel aus der Politik, aber ich bin das erste Mal auf das Wort bei einem Song der Band TALK TALK gestoßen. Und als Albumtitel klingt „Watershed“ einfach spitze! Aber natürlich bezieht sich der Titel auch ein wenig auf das was in der Band zu dem Zeitpunkt passiert ist, wir haben ja ein neues Lineup und auch sonst hat sich vieles verändert, wir haben uns quasi selbst erneuert. Aber vor allem ist es eben ein hübsches Wort für mich und (grinst breit) man kann die Wortbedeutung weit genug auslegen um es mit allen möglichen Konzepten zu erklären.

 

Wenn du „Watershed“ mit seinen Vorgängern vergleichst, was ist neu? Welche musikalischen Neuerungen gibt es?

Man hört es vielleicht nicht direkt, aber die größten Neuerungen betrafen das Songwriting und wie ich daran gegangen bin. Ich habe mich zum ersten Mal vollkommen frei gefühlt, als ich die Songs geschrieben habe, es gab quasi keine Grenzen für mich was ich nicht tun konnte, wir mussten keinem bestimmten Bild oder Schema entsprechen. Das ist denke ich der größte Unterschied, diese absolute Freiheit und ich habe sie genutzt und vieles gemacht, von dem ich vorher gar nicht gedacht hätte, dass es möglich ist! Vielleicht ist das nicht für den Hörer erkennbar, aber ich habe mich wirklich so gefühlt als hätte ich die Grenzen meiner Möglichkeiten was ich alles tun kann voll ausgelotet.

 

Gab es auch ganz konkrete neue Einflüsse für dich, die du verarbeitet hast?

Ja, definitiv! Aber das ganze Songwriting ist auch wagemutiger geworden – nimm zum Beispiel den Funk-Teil auf dem Album! So etwas hätten wir uns vorher einfach nie getraut! Und das Lustige daran ist – der Funk-Teil ist etwa 30 Sekunden lang – in einigen schwedischen Magazinen haben sie uns daraufhin als „Funk Metal Band“ bezeichnet! Das muss also schwer Eindruck gemacht haben. Aber es ist in der Tat schon so, dass wir uns weiterentwickelt haben und jetzt ganz andere Dinge machen als in der Vergangenheit. Klar fällt es auf wenn man plötzlich ganz ungewöhnliche Musikstile verarbeitet, aber ich glaube „Watershed“ ist ein Album, das zu Recht den Titel „Progressive Metal“ trägt. Und wenn man sich als „Progressive Rock/Metal“ Band bezeichnet dann gehört es auch irgendwie dazu, sich ständig weiterzuentwickeln und auch musikalisch voranzuschreiten und das ist es auch was ich unbedingt will, damit wir diesen Titel auch wirklich weiterhin zu Recht tragen können. Allerdings braucht das natürlich seine Zeit, man kann das nicht erzwingen.

 

Was wird man denn dann in 20 Jahren hören, wenn man OPETH auflegt?

Oh – wenn es uns dann überhaupt noch gibt! (lacht) Vielleicht ein sehr minimalistisches Album voller Stille.

 

Welche Bands beeinflussen dich persönlich?

Alle Bands die Rockmusik spielen, vor allem aber Bands aus den 60er und 70ern. Das gibt es bestimmt eine Million verschiedener – vor allem aber natürlich die großen Heavy Metal Bands!

 

Wie steht es mit DREAM THEATER?

Natürlich auch DREAM THEATER. Es ist schön mit ihnen auf Tour zu sein, aber ich kreische nicht jedes Mal wie verrückt wenn ich einen von den Jungs rumlaufen sehe. Wir sind hier um als Supportact gute Shows zu spielen und uns auch dem Publikum von DREAM THEATER vorzustellen.

 

Wie ist das Verhältnis zwischen den Bands auf der Tour?

Ich glaube sehr gut! Die Bands haben sich über die Zeit immer mehr angenähert, DREAM THEATER und OPETH hatten davor ja wirklich keinerlei gemeinsame Schnittmenge und wir hatten uns auch noch nie zuvor getroffen. Aber mit der Zeit haben wir uns angenähert, und DREAM THEATER sind jetzt vielleicht ein wenig heavier und OPETH – na ja, keine Ahnung, wir haben uns aber definitiv gegenseitig beeinflusst und das ist gut so. Die ganze Szene des Progressive Rock/Metals ist durch Bands wie DREAM THEATER, MARS VOLTA und TOOL in den letzten Jahren verändert und verjüngt worden und es ist großartig dass wir alle ein Teil der gleichen kleinen Familie sind, uns aber doch so sehr unterscheiden.

 

Hört denn jemand von DREAM THEATER OPETH?

Auf jeden Fall, denn sonst wären wir nicht hier! Die Tour unter diesem Konzept wird von Mike Portnoy organisiert, er sucht sich die Bands aus die ihm gefallen und die gut passen. Wir waren bereits bei der „Progressive Nation Tour“ in den USA dabei und das war gut, daher wurde beschlossen, wenn das Konzept auch in Europa auf Tour gehen sollte, sind wir auch wieder mit dabei. Aber Portnoy mag die Band auf jeden Fall und John Myung ist einmal zu mir gekommen und hat ganz leise zu mir gesagt: „Ich höre „Watershed“ jeden Tag - es ist ein Meisterwerk und ich mag es sehr!“. Ich glaube John mag einiges von uns auch recht gerne, wie eigentlich alle aus der Band. Nur bei James bin ich mir nicht sicher. Er mag meine klare Singstimme, aber er findet es furchtbar wenn ich schreie. Aber wir mögen uns alle und das Verhältnis ist gut, aber wir verbringen auch nicht viel Zeit miteinander. DREAM THEATER haben einen eigenen Tourbus und backstage immer seperate Räume, man sieht sich also vielleicht mal zum Abendessen. Die Art wie wir unsere freie Zeit auf Tour verbringen ist aber auch sehr unterschiedlich – wir trinken gerne mal ein Bierchen, bei DREAM THEATER trinkt aber niemand Alkohol.

 

Ihr seid in den vergangenen Jahren mit vielen verschiedenen Bands unterwegs gewesen – mit welcher Band würdest du gerne mal auf Tour gehen, wenn du es dir aussuchen könntest?

(überlegt) TOOL, ganz klar. Es wäre sehr gut für uns wenn wir vor deren Fans spielen könnten – das ist es auch was wichtig ist wenn wir als Supportact unterwegs sind. Ich liebe die Band, aber es wäre doch sehr schön wenn wir uns den TOOL-Fans auch vorstellen könnten! Wir haben drei oder vier Mal das Angebot bekommen mit ihnen auf Tour zu gehen, aber es hat leider nie geklappt, obwohl einige in der Band OPETH Fans sind. Also warten wir einfach weiter, vielleicht klappt es ja in der Zukunft mal.

 

Was machst du in deiner freien Zeit auf Tour wenn du nicht ohne DREAM THEATER ein Bierchen trinkst?

(lacht) Naja, so oft kommt das auch nicht vor und wenn dann ist es meistens wirklich nur ein Bier! Meistens gehe ich los und suche nach Plattenläden, dass ist meine große Leidenschaft! Es ist auch gut, mal raus zu kommen, etwas zu machen und zu sehen – und natürlich Platten zu kaufen! Aber auf Tour zu sein ist schon eine komische Art, seine Zeit zu verbringen, man hat viel Freizeit und muss quasi gar nichts machen. Wir sind jetzt schon so lange auf Tour, da hat man irgendwann auch gründlich die Nase voll jeden Tag einen Kater zu haben.

 

Kannst du die ungefähre Anzahl der Platten schätzen, die du auf Tour kaufst?

Das ist schwierig zu sagen, es kommt auch darauf an wo wir spielen. Wenn ein Plattenladen in der Nähe ist gehe ich hin. In Amerika habe ich so viele Platten gekauft, dass ich zwei Kisten kaufen musste um sie nach Hause zu transportieren, das waren etwa 150 Vinyl. Aber in Europa geht das ja leider nicht so, hier ist ja alles teurer. Aber wenn ich dann nach Hause komme, verbringe ich meine gesamte freie Zeit mit meiner Familie und wenn meine Frau und die Kinder zu Bett gegangen sind höre ich mir die Platten dann in meinem Büro an.

 

Wenn du schon über deine Familie sprichst – du hast zwei kleine Töchter – wie bekommst du Familienleben und Band unter einen Hut?

Das ist sehr schwierig, aber da kann man einfach nichts machen. Es zerrt an einem - man fühlt sich permanent schuldig und es geht einem die meiste Zeit nicht wirklich gut. Vielleicht kann meine Familie einmal mit auf Tour kommen wenn die Mädchen älter sind, aber das ist ja auch keine Lebensart in die man gerne seine Kinder bringt, es gibt immer Betrunkene, verrückte Fans, Zigaretten und Drogen. Aber wenn wir daheim spielen, dann kommen sie manchmal zu den Auftritten. Sie waren beide dabei als wir neulich in Stockholm gespielt haben und finden es schon cool, was ich mache. Meine jüngere Tochter ist zwei, die Ältere fünf. Die Jüngere war ganz begeistert von der applaudierenden Menge und hat ein paar Mal in die Hände geklatscht und ist dann sofort eingeschlafen. Martin und Fredric in der Band haben beide einen Sohn und verschiedene Leute in der Crew haben daheim auch Kinder und so unterhalten wir uns oft darüber, wie sehr wir unsere Familien vermissen – geteiltes Leid ist halbes Leid, das hilft mir schon.

 

Was würdest du machen wenn du kein Musiker wärst und so die Gelegenheit hättest, mehr Zeit mit deiner Familie zu verbringen?

Das weiß ich ehrlich gesagt nicht, denn da habe ich keine große Auswahl, denn dass wozu ich ausgebildet wurde möchte ich nicht machen. Daher ist es wirklich gut dass ich mache was ich mache, denn ich bin glücklich damit und meine Familie auch. Wenn ich allerdings etwas anderes machen müsste, so müsste es auf jeden Fall etwas im Zusammenhang mit Musik sein. Irgendwann werden wir ja auch sicherlich nicht mehr auf Tour gehen und dann muss ich drüber nachdenken. Ein eigener Plattenladen wäre schön, aber die Szene dafür brummt ja derzeit nicht wirklich – trotzdem ist das eines meiner Ziele, früher oder später will ich einen eigenen Plattenladen eröffnen. Und natürlich weiterhin Musik schreiben.

 

Könntest du dir vorstellen dann andere Bands zu produzieren?

Ja, durchaus. Aber ich bin sehr kritisch. Es muss dann schon eine Band sein, die ich sehr gerne mag und wenn ich sie mag, dann wird es sich vielleicht so anfühlen dass mein Beitrag als Produzent eher unnütz ist weil die Band dann ja schon richtig gut ist. Ich sehe keinen Sinn darin eine Band zu produzieren, die bereits fantastisch ist und wenn sie nicht fantastisch sind, interessierts mich nicht! (lacht)

 

Also doch ein Plattenladen.

Ja, das wäre gut. Ein kleiner, netter Plattenladen und Kaffee. Das wollte ich schon immer. Meine Mutter war früher darüber entsetzt und fragte mich, ob das im Ernst meine einzige Ambition für mein Leben sei. Mittlerweile findet sie es gut, dass ich Musiker bin und hat sich mit der Plattenladenidee ganz gut angefreundet, weil ich dann nicht mehr so viel unterwegs wäre. Aber so sind Eltern eben, sie wollen immer das Beste für einen, wenn sie es sich aussuchen könnten dann natürlich eine Spitzenausbildung mit Universität und allem drum und dran, aber das hat mich nie interessiert.

 

Themenwechsel: habt ihr euch mittlerweile von eurem etwas schief gelaufenen Gig am Summebreeze-Festival erholt?

Nein! Niemals! Es ist nicht einmal in unserer Erinnerung witzig, obwohl es natürlich schon irgendwie lustig war. Ich weiß dass es gar nicht so schlimm war, aber für uns war es der blanke Horror. Wir hatten hohe Erwartungen an uns selber da wir Headliner des Festivals waren. Wir standen also auf der Bühne während das Intro gespielt wurde und die Menge tobte bereits, es war fantastisch, so viele Leute waren da. Und dann geht alles schief und das wirft dich total aus der Bahn. Wir sind unglaublich selbstkritisch und das war wirklich furchtbar für uns. Und dann habe ich den Blog über den Gig geschrieben und als ich ihn wieder gelesen hab, kam es mir schon ein wenig lustig vor, und es ist ja auch lustig für die Leute, aber die Erinnerung daran tut trotzdem noch weh. Klar, das kann passieren, aber es ist total eskaliert! Dadurch dass wir noch versucht haben, so verzweifelt alles zu retten, dadurch haben wir es nur noch schlimmer gemacht – wir haben all diese unglaublich dummen Dinge unternommen die Situation noch zu retten, aber ... es wurde einfach immer schlimmer! Und als wir dann wieder einigermaßen spielen konnten hat jeder nur noch daran gedacht das alles hinter sich zu bringen, ein eiskaltes Bier zu trinken und nie mehr dran zu denken. Nun ist es vorbei, aber es ist trotzdem so, dass wir sehr selbstkritisch sind, was wir machen und wie wir uns präsentieren, denn wenn wir auf der Bühne sind, dann sind wir eben alles was wir haben, da es in der Band keine schillernden Persönlichkeiten gibt.

 

Ach…

Jaja, ich meine so etwas wie jemand der ständig in der Presse ist! Ich bin nicht gerade wie MARILYN MANSON, ich habe keine Karriere neben der Band. Es ist für uns also unheimlich wichtig dass wir auf der Bühne so gut wie möglich sind und wenn das schief geht…

 

Was erwartet die Fans denn dann bei der Show heute Abend?

Keine Ahnung, hoffentlich ein besserer Gig! Die vergangenen Shows waren gut und wir sind immer aufgeregt wenn wir in Deutschland spielen können! Die Konzerte unserer letzten Tour waren in Deutschland ja alle ausverkauft und das ist uns noch nie zuvor passiert. Es hat eine Weile gedauert bis das Interesse in Deutschland an uns erwacht ist, aber auf der letzten Tour war es fantastisch. In Schweden ist das anders, man kennt uns, aber die Leute sind oft zu bequem zu den Konzerten zu kommen, das Interesse an der Metalszene ist eher oberflächlich. Es gibt einige sehr große Bands die den Markt beherrschen wie IN FLAMES – sie sind überall in den Zeitungen und was die Leute sehen, das wollen sie dann auch. Schweden ist also nicht unser bestes Land obwohl Skandinavien sonst wirklich toll ist. In Schweden spielen wir in kleinen Bars und Clubs vor 300 bis 800 Leuten, das ist ganz anders. Wir werden aber definitiv weiterhin nach Deutschland kommen, das hat für uns absolute Priorität.

 

Das hört man gerne! Hast du noch irgendwelche letzten Worte, etwas dass du loswerden willst?

Äh. Nein. Immer wenn mir diese Frage gestellt wird weiß ich nie was ich sagen soll. Wie wärs mit: nichts?! Ist das okay? (lacht)

Interview mit Mikael

Zu diesem Interview:

Autor:
ehemaliger Mitarbeiter

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Artikel eingestellt:
16.10.2009