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ROTE MARE - The invocation

ROTE MARE - The invocation

Doom ist die Welt von Phil Howlett und seiner Band ROTE MARE. Ist schon ein paar Jahre her, dass mir die Band über den Weg lief, muss im Hellride Forum gewesen sein, einem damals, so 2003 - 2005, sehr belebten Treffpunkt von allen möglichen Phreaks, Musikliebhabern und inspirierten Geistern. Zwei Demo Alben voll geiler Musik habe ich damals von Phil bekommen und hier besprochen.

2013 erschienen dann gleich zwei Alben und "The invocation" war das erste der beiden. Ein Manifest echten Doom Metals, der sich weit über alle Genredogmen hinauslehnt, auch wenn er ganz schlicht und einfach im üblichen Stilgewand mit wuchtigen Riffs, rollenden Gitarrennoten, einem Donnerbass und machtvollem Drumming nebst eigensinnigen Vocals zu uns kommt.

Zum Gesang komm ich zuerst. Phil Howlett liebt seine raue Stimme, röhrt dreckelig und wutentbrannt, dabei aber stets entschlossen und sehr positiv gestimmt. Er liebt aber auch seinen Klargesang, der eine wehmütige Note besitzt und mit größten und tiefsten Gefühlen spielt. Er vereint beide Aspekte mit immenser Leidenschaft und eruptiver Intensität in seinen Songs.

"The kingdom" eröffnet nun den bunten Songreigen. Flotter, polternder Heavy Metal scheint es zu sein, bis dann die Geschwindigkeit gedrosselt wird und die Band mit mächtigen Gesten durch die Botanik stapft. Phil grollt in seiner bodenständig ausdrucksstarken Manier auf den hypnotischen Riffs und wechselt dann in einen melodisch beschwörenden Stil mit etwas mehr Harmonie im Hintergrund. Auch die Geschwindigkeit verringert sich noch ein Stück und die Gitarrenmelodien bekommen einen traurigen Ausdruck. Sehr eindringlich und aufwühlend. Wieder geht es einen Schritt voran in einen mystisch düsteren Instrumentalpart ohne Rhythmus, dann hin zum vorigen Abschnitt mit diesem tief melancholischen Riffing und einem fast verzweifelt seinen Weltschmerz hinaussingenden und - brüllenden Phil. Es sind gar keine Hardcore oder Deathmetal Vocals, derer sich Phil bedient, eher würde sein derber Gesang zu Stonerbluesrock wie THE MIDNIGHT GHOST TRAIN oder klassischem Blues passen. Doom ist also doch der moderne Blues des weißen Mannes. Auch ein Bleichgesicht muss seine Seele zuweilen reinigen. Okay, zurück zum Song. Außer einer gesteigerten und sich weiterhin steigernden Intensität bleibt das Stück bis zum Ende seiner Linie treu und durch diese stete Wiederholung des Grundthemas hypnotisiert der Song den Hörer. Allein das Finale ist nochmals eine kleine Änderung, ein typisches Ausflippen am Schluß eines Songs. Cooler, aber sicher auch schwer verdaulicher Einstand.

"The furthest shore" ist da leichter zugänglich, ein schöner, schmieriger und doomiger Straßenhardrock mit cooler Melodie, feiner Leadgitarre, einem dauerhaft melodisch singenden Phil und entspanntem, aber ergreifendem Groove. Klassischer Fave für alle Fans von PENTAGRAM, IRON MAN und KADAVAR. Die instrumentalen Parts sind fein ausgebaut, die Klampfen brodeln auf dem wuchtig rummsenden Rhythmusfundament. Hier sind Doomster, Stonerrocker und Retrohardrocker in ihrer Leidenschaft beim Worshippen vereint.

"The stones of blood" ist wieder anders, ein wogendes, tonnenschweres und episches Stück Doom mit einem wütenden, räudigen Grollgesang. Also, dem typischen wütenden, räudigen Grollgesang. Irgendwann bricht der wogende Rhythmus ab und schafft raum für ein prototypisch doomiges Gekrieche mit sehr morbiden Gitarrenläufen darauf. Phil klagt hier wiederum gesanglich der Welt sein Leid, wenn er denn nicht doch auf das raue Grollen umsteigt. Der Song ist sehr bildhaft in seiner Art. Vom düsteren Doom geht es in eine schleppende Passage mit sehr schöner, gefühlvoll gestalteter Gitarrenmelodie und melodischem Gesang. Dieser Abschnitt ist von einer selten erfahrenen Anmut und ergreifender Kraft. Aus ihm heraus gerät das Stück wieder rhythmisch in Fahrt, bevor die doomige Düsternis auf gelassen agierender Rhythmustruppe erneut das Ruder übernimmt. Bei allem Traditionsbewusstsein in Sachen Doom / Doommetal, das hier ist spannend. Auch weil ROTE MARE ihre Songs gerade so weit auswalzen, dass ein geschickter Wechsel möglich ist. Treibende, doomige und emotional aufpeitschende melodische Parts wechseln sich in steter Folge ab und wenn Phil mit gewaltiger Leidenschaft sein "I love you" hinausschreit, fängt einem das Herz zu brennen an. Epic Doom geht auch schön schmierig und dreckig und gerade deswegen bringt Dir dieses Stück Musik die machtvollsten Bilder in die Sinne. Chapeau!

"Nothing" wiederum hat eine melodische, aber monotone Gitarrenmelodie, ganz sachte und reduziert gezupft, dann ein merkwürdiges Sirren und eine sehr dunkle, traurige Gesangsmelodie als Einlauf. Im Grunde bleiben die Strukturen erstmal gleich, nur kommt noch ein Schlagzeug dazu und eine verzerrte Gitarre funkt hinein. Der Refrain ist mächtig, eindringlich, packt Dich bei den Hörnern, lässt Dich nicht wieder los. Und wieder geht die Strophe los. Es kommen ein Refrain und ein alles zermalmender Soloteil, der Song wird stampfig mit quäkender Leadgitarre auf donnerndem Riffing, dann total schleppend und morbide, ganz doom typisch mit schön enervierendem Gitarrenfeedback. Warum baut die Band solche fast als Klischee zu bezeichnenden Parts in einen vollkommenen Song ein? Erstens, weil sie es kann. Und zweitens womit? Mit Recht! Und drittens, norddeutsche Handwerkererklärung mit vier Buchstaben, isso! Phil wird gesanglich sehr prophetisch auf diesem True Doom Abritt in "Nothing" und wer sich dabei noch rühren und auf etwas anderes als die Musik konzentrieren kann ist entweder kein Doomster oder auf Amphetaminen. Ich bin ergriffen von der Musik, wobei ich dem Inhalt des Textes hier entschieden widerspreche. Aber passt schon. Es ist alles das, was man daraus macht.

Nr. 5 ist dann eine Coverversion der US Band BIG STAR. Der Song heißt "Holocaust" ist ein melancholischer Doomrocker in der Fassung von ROTE MARE, während er im Original ein folkiges Singer / Songwriter Stück auf Basis akustischer Gitarren war. Die Neubearbeitung durch ROTE MARE hat dem Song weitere Dimensionen verpasst, die es für den Liebhaber schöner Musik zu entdecken gilt. Der 2010 verstorbene BIG STAR Kopf Alex Chilton wäre auf jeden Fall stolz auf dieses Cover. Eine schlichtweg schöne Rocknummer, die Dich tief im Herzen berührt.

Massiv und episch, düster und monumental, wuchtig und beschwörend wird es mit "The serpent" zum Schluss, einem Stück monolithischen Dooms, wo alle rhythmischen Register gezogen werden und wo Band und Zuhörer zusammen auf eine ein vollkommen neues Bewusstsein schaffende Reise gehen. Wuchtig stampfender Monumetal, cooler Heavyrock mit Boogiegroove, Geschleppe, Gedröhne, was auch immer ein Aspekt des Dooms ist, diese Nummer greift ihn auf und alles passt hervorragend zusammen. Die Klangreise hat einen steten Fluss, jede Passage sitzt an der exakt für sie vorgesehenen Stelle. Ein würdiger Longtrack steht also am Ende des Albums, so denkt man.

Heimlich, still und leise aber springt der CD Player auf Position Sieben und wenn man nichts ahnend das gute Stück noch laufen lässt kommt irgendwann der alte Demosong "Eternal winter" in neuem Gewand zum Vorschein. Hier wird man mit einer schönen Doomnummer klassischen Ausmaßes bedient und in eine allerletzte Verzückung versetzt. Das nenn ich einen krönenden Abschluss für ein Killeralbum.

Wer auf die absolute Doommetalvollbedienung abfährt, der wird mit "The invocation" seinen vollkommenen Spaß haben und vielleicht sogar noch die verdiente spirituelle Erleuchtung erfahren. Ich bin total geschafft. Danke, danke, danke für solch eine Scheibe.

http//rotemare.bandcamp.com

Tracklist:

01. The kingdom
02. The furthest shore
03. The stones of blood
04. Nothing
05. Holocaust
06. The serpent
07. Eternal winter (bonus track)

Zu dieser Rezension:

Autor:
SirLordDoom

Bewertung:
9 von 10 Punkten

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Artikel eingestellt:
13.06.2014