Das ist auch mal was: Mit ihrem Album Veto haben die Deutschen NEVERTRUST irgendwas zwischen Punk, Alternative, (NWOB) Heavy Metal, Thrash und Zirkusmusik eingespielt. So die grobe, stilistische Einordnung.
Auch wenn das über weite Strecken unverbraucht und individuell klingt, braucht man doch eine Weile, bis man sich an den ungewohnten Mix gewöhnt hat. In den ersten Minuten glaubt man zu wissen: Ach komm... Das hab ich doch schon tausendmal gehört. Aber spätestens wenn der erste Leadgitarrenpart einsetzt, wird man eines Besseren belehrt. Und dann kommt auch schon direkt ein Akkustikinterlude, das den erst aufgebauten Meldodiebogen gleich wieder über den Haufen wirft, um mehrstimmigem Männergesang Platz zu machen. Nicht immer gelingt es die Ideen der offensichtlich weeeeit gefächert beeinflussten Bandmitglieder auf natürlichem Weg miteinander zu verschmelzen und das Gefühl von einem gewaltsam zusammengehämmerten Puzzle bleibt zurück.
Die (mitunter sehr gedeutschelten) englischen Texte bewegen sich zwischen Wahnsinn und Provokation. Manchmal ist man sich allerdings nicht sicher ob alles nicht nur Ergebnis einer ausgelebten, inhaltlichen Irrelevanz von Metaltexten ist. So hat man “Riding on the winds” auf der einen Seite – musikgewordene Gedanken eines necrophilen Tittenabschneiders – und auf der anderen Seite “Dessert” – ein Lied über den letzten Moment vor dem Tod in der Wüste. Oder? Während die inhaltlich völlig verqueren Gedanken des Leichenschänders musikalisch noch genretypisch unterstützt werden, wird der metaphorische und beinahe an Anspruch grenzende Text von „Dessert“ musikalisch ins Lächerliche gezogen. Absicht? Versehen? Man weiß es nicht genau, da Text und Musik über die Dauer des Albums nicht einheitlich in Bezug zueinander gesetzt werden. Das lässt vermuten, dass hier zu viele Ideen zusammengelaufen sind und man sich nicht auf eine klare Linie einigen konnte. Wahrscheinlich überwiegt hier aber auch einfach nur die “Scheißegal, hauptsache Spaß dabei”-Attitüde. Und dann ist das Album, das scheinbar unter ständigen Vetos der Bandmitglieder, gegenüber den Ideen der jeweils Anderen, eingespielt wurde, auch wieder Rund und konzeptionell einigermaßen stimmig. Ganz das Werk eines Blödelkommandos mit Stromgitarren, Alkohol und am Limit arbeitenden Amps.
Das Album glänzt mit neuartig wirkendem Bekannten, schwächelt aber in der Komposition und klingt eher nach Ausprobieren als nach Präsentieren. So bekommt das Ganze einen Anstrich, der eher den dadaistisch angehauchteren Metallern taugen dürfte und denen, die mutig sind ein derartiges Nieschenprodukt zu konsumieren. Etwas Besonderes: ja. Besonders herausragend: Nein. Dafür gibt’s einen Bonus für Individualität.
Tracklist:
1. Insulin
Autor:
Harper
Bewertung:
5,5 von 10 Punkten
Weiteres:
Label:
Running Pulse Records
Band-Webseite:
www.never-trust.de
Release:
20.10.2011
Gelesen:
270 x
Artikel eingestellt:
19.02.2012