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KNORKATOR - Es werde Nicht

KNORKATOR - Es werde Nicht

Nachdem sich Deutschlands meiste Boygroup der Welt 2008 von der Bühne und dem harten Musik-Business zurückgezogen hatte, schlug das Comeback in Deutschland große Wellen und die zahlenlose Masse der Fans fiel, ob der Ankündigung eines neuen Albums, weinend auf die Knie. Dem MetalDistrict wird die besondere Ehre zu teil, ein seltenes Exemplar der Promo-CDs in den Händen zu halten.

Das neue Werk „Es werde nicht“ distanziert sich bewusst von in der Vergangenheit plump zur Schau gestellten Fehlbarkeit menschlichen Seins und greift stattdessen zu kritischen Tönen, die allen Aspekten gesellschaftlichen Zusammenlebens einen Moralspiegel vorhalten. Hier geht es längst nicht mehr um infantile Lächerlichkeiten und Belangloses. Es geht um die Errettung des Einzelnen – die Katharsis des Hörers.

Zu Beginn des reinigenden Zyklus‘ steht der kleinste gemeinsame Nenner bei Auseinandersetzungen unserer heutigen, immer mehr versumpfenden Konfliktgesellschaft: „Du nicht“ entmetaphorisiert nicht nur den steten Genitalvergleich eines Individuums mit seinem sozialen Umfeld, sondern zugleich die gezielte Suche nach Schwächen und Fehlbarkeiten der Mitmenschen, die es dem Einzelnen ermöglichen, die Konkurrenz in einer vom Kapitalismus gänzlich durchdrungenen Gesellschaftsstruktur stets zu übertrumpfen.

Stilistisch wird die Ständigkeit des Vergleichens und Aufwiegens im Text wiedergespiegelt. Auf jede Fähigkeit die das Lyrische Ich von sich selbst preisgibt, erfolgt der wütend-hämische Hinweis „du nich!“ Es akkumuliert sich so eine große Anzahl an Aussagen nach der Formel (Ich = positiv) > (Du = negativ) die den Hörer mit Hilfe der Repetition nicht zum Empfänger, sondern zum Sender des Textes werden lassen. Eine bewusste Manipulation mittels der Erweckung von Neid – auf die Fähigkeiten und den Besitz des Erzählers – um den Blick des Rezipienten von der Musik weg und auf sich selbst zu wenden. Denn wer würde nicht gern fähig sein, den Todeszeitpunkt einer Wasserleiche am Geschmack zu erkennen.

Der Abschnitt mit dem Titel „Nö“ durchleuchtet die Folgen des immer währenden Konkurrenzkampfes der Gegenwart. So wird hier im metaphorischen Gewand der modernen, oberflächengesellschaftlich verrufenen Affäre die egoistische Ausnutzung anderer mit Hilfe der Täuschung und falscher Versprechung thematisiert, sowie der festverwurzelte Glaube der Konsequenzlosigkeit bei zwischenmenschlich-emotionaler Gewalt. Emotionen spielen keine Rolle. Nur pragmatische Gründe wie die Erhaltung der Art oder der reine Trieb führen zur emotionalen Interaktion mit den Mitmenschen während das eigentliche Leben auf „Pflicht und Verantwortung“ basiert, anstatt auf Wünschen, Glück und Verwirklichung. Wer sich dennoch letzterem hingibt, hat es noch nicht verstanden; hat verloren und bleibt chancenlos.

„Arschgesicht“ greift eine weitere, bereits spürbare Folge der modernen gesellschaftlichen Entwicklung  auf: Um im Konkurrenzkampf bestehen zu können, ist es notwendig, immer früher den Nachwuchs zu Kämpfern zu erziehen und an die Front zu schicken. KNORKATOR sind selbstlos genug ihre eigenen Schützlinge bereits jetzt ins Musikbusiness zu werfen, um kritisch aufzuzeigen, welch unglaublicher Missstand in unserer konkurrenzverliebten Gesellschaft bereits Usus ist. Doch nicht nur durch den Einsatz des Sohnes des musikalischen Masterminds Alfator wird dies verdeutlicht, sondern auch inhaltlich. Hier wird wieder Bezug zur o.g. Formel hergestellt, die auch in den Jüngeren und Jüngsten fest verankert sein muss – nicht etwa das Auskosten unbeschwerter Kindheitstage, sondern der stete Kampf um Kapital und Besitz.

Nachdem die Eckpfeiler unserer Misere erörtert sind, versuchen KNORKATOR eine Ursachenbestimmung und kommen zu dem Schluss, dass alle Fehler unserer Existens in uns selbst stecken. „Du bist Schuld“ ist kein Ablegen der Verantwortung sondern die konkrete Anschuldigung des Hörers, der Ursprung alles Schlechten zu sein und dass Passivität zwangsweise zu dieser Situation geführt hat. Denn, so heißt es im Text, „[s]ie zeigten dir nur bunte Bilder gegangen bist du allein“. Außerdem ein erster unterschwelliger Aufruf zu bewusstem Umgang mit den Massenmedien und der Gefahr, die von diesen ausgeht.

„Warum“ zeichnet eine formvollendete Metapher der schönen Künste. In diesem Fall stellvertretend für alle: die Musik. Das Lied – und somit die Künste – steht für die Erlösung, denn es ist die Besinnung auf Schönheit, Wahrheit und Liebe, die die Welt verbessert. Ein Metawerk das sich in Form, Stil und Inhalt an sich selbst anlehnt, um eine Orientierung und einen Lösungsansatz zu bieten, um sich aus der aussichtslosen Situation zu befreien. Denn nur das Wahre und Schöne ist fähig unser Herz zu berühren und uns von kapitalistischer Gier, Skrupellosigkeit und bedingungslosem Besitzanspruch zu lösen; ja, zu erlösen.

Der Dramaturgie des klassischen Dramas folgend scheint nun zwar der Weg geebnet und man glaubt sich fortan auf dem Weg zum Seelenheil zu befinden, doch „Refräng“ und das SCOOTER-Cover „Faster Harder Scooter“ verkünden die Katastrophe, wenn kein aktives Handeln auf den Lehrreichen Blick auf unsere Misere folgt. Wie eine Warnung sprechen die Abschnitte aus, was passiert wenn man nur oberflächlich die schönen Dinge behandelt und wie heute von echter Schönheit abgelenkt wird. Mit schlichter Effekthascherei, hookigen „Refrängs“, plumpen Gags, ständiger Reproduktion und medientauglichen Skandalen sowie durch simple und vermeintlich gute Kunst werden wir von edleren Zielen abgelenkt. Die beiden Lieder stehen somit sinnbildlich für das tragische Ende einer besinnungslosen Gesellschaft und sollen zugleich den manipulativen Charakter moderner Mainstream-Kunst aufzeigen und Negativbeispiele für die Besinnung auf Wahres und Schönes darstellen.

Doch KNORKATOR bleiben sich ihrer Mission bewusst und geben nach diesem Exkurs mit „Bleib stehen“ eine Herangehensweise für die Verbesserung der Gesellschaft an die Hand. Denn nur mit Ruhe und Bewusstsein, dem Sinn für Details, Wahrheit und Schönheit, ist es möglich uns der niederen Werte zu entsagen, die das Zusammenleben auf der Erde derzeit dominieren. Die Entschleunigung des Jetzt ist ein geeigneter Weg, der uns alle wertschätzen lässt was wir an Zwischenmenschlichkeit bereits in uns tragen und in die Welt hinaus verkünden sollen. Denn die Katharsis der Gesellschaft beginnt in jedem einzelnen Individuum selbst, weshalb es auch nicht „bleibt stehen“ heißt, sondern den einzelnen Hörer direkt anspricht.

Mit „Auf dem See“ fällt der Vorhang und die Künstler dieses furiosen Silberlings setzen ein ganz klares Zeichen dafür, was für ein herrlicher Mumpitz dieses Album wieder geworden ist. Persönlich empfinde ich, dass das Album mitunter ein wenig aus der Puste kommt und die Gags nicht mehr ganz so locker rüber kommen, wie bspw. noch bei „Ich hasse Musik“. Auch die obligatorische Coverversion reicht nicht an die Epicness eines „Ma baker“, „Nebel auf dem Wasser“ oder „Highway to hell“ heran. Dafür hat man sich aber vom Textstil des „Nächsten Albums aller Zeiten“ wieder entfernt, bei dem man tatsächlich ernstgemeinte Texte nur schwer von reinen Gags unterscheidenden konnte. Man besinnt sich wieder mehr auf Pointiertes Songwriting und stellt den ernsten Anspruch an zweite stelle, ohne ihn aber aus den Augen zu verlieren. Ein astreines, KNORKATORisches Album, das eigentlich außer Konkurrenz aus Mangel an Vergleichsmöglichkeiten bewertet werden sollte. Wiegt man Schwächen gegen Stärken auf, hat man aber immernoch ein sehr gutes Album, das den Fan milde stimmt und durchaus auch Nicht-Fans zugänglich sein sollte.

 

Nachtrag: Die uns vorliegende Promo-CD enthielt nicht alle finalen Tracks. Interpretationsansätze könnten sich also beim Hören der Kauf-CD ändern.

Tracklist:

1. Du nich
2. Nö
3. Arschgesicht
4. Du bist schuld
5. Warum
6. Refräng
7. Ain't Nobody - Knorkator 2011
8. Faster Harder Scooter
9. Kinderlied
10. Bleib stehn
11. Auf dem See
12. Geboren
13. Sofort


Luxus-Edition:

1. Du Nich
2. From Du Nich Till Nö
3. Nö
4. From Nö Till Arschgesicht
5. Arschgesicht
6. From Arschgesicht Till Du Bist Schuld
7. Du Bist Schuld
8. From Du Bist Schuld Till Warum
9. Warum
10. From Warum Till Refräng
11. Refräng
12. From Refräng Till Aint Nobody - Knorkator 2011
13. Aint Nobody - Knorkator 2011
14. From Aint Nobody - Knorkator 2011 Till Faster Harder Scooter
15. Faster Harder Scooter
16. From Faster Harder Scooter Till Kinderlied
17. Kinderlied
18. From Kinderlied Till Bleib Stehn
19. Bleib Stehn
20. From Bleib Stehn Till Auf Dem See
21. Auf Dem See
22. From Auf Dem See Till Geboren
23. Geboren
24. From Geboren Till Sofort
25. Sofort
26. The Day After Sofort

Zu dieser Rezension:

Autor:
Harper

Bewertung:
8 von 10 Punkten

Weiteres:

Label:
Tubareckorz
Release:
16.09.2011

Gelesen:
295 x

Artikel eingestellt:
09.02.2012